Info & Politik

„Verpflichtende Lebensmittelkennzeichnung ist ein Bürgerrecht!“

Unter dem Motto„Zukunft dank Herkunft? - Im Spannungsfeld zwischen globalen Märkten und regionaler Versorgung” findet von 27. Jänner bis 3. Februar 2022 die traditionelle Wintertagung des Ökosozialen Forums statt. Bei dieser größten agrarischen Infoveranstaltung in Österreich werden die Herausforderungen und Perspektiven für die Landwirtschaft thematisiert. Rund 130 renommierte Expertinnen und Experten aus dem In- und Ausland erörtern, was Handelsabkommen, GAP-Reform, Green Deal und Co. für die Produktivität in den unterschiedlichen landwirtschaftlichen Branchen bedeuten. Auch die Wünsche und das tatsächliche Einkaufsverhalten der Konsumenten werden einer Analyse unterzogen, und es wird gefragt, ob die Pandemie die Nachfrage nach regionalen Produkten weiter antreibt oder ob das Preisargument künftig wieder an erster Stelle steht.

Vor dem Hintergrund von GAP, Green Deal sowie internationalen Handelsabkommen und Konflikten steigen die Rohstoff- und Energiepreise, werden Lieferketten fragiler und der Weltmarkt volatiler. Zudem hat die COVID-Pandemie Schwachpunkte offengelegt, betont der Präsident des Ökosozialen Forums Österreich & Europa, Stephan Pernkopf. Er hebt aber auch positive Entwicklungen hervor. So ist der ländliche Raum ein Gewinner der Pandemie, denn die Nachfrage nach regionalen Produkten ist enorm gestiegen.

„Vom Acker zum Teller“ verlangt Kennzeichnungspflicht

Ganz im Sinne des Mottos der heurigen Wintertagung „Zukunft dank Herkunft?“ fordert Stephan Pernkopf daher eine verpflichtende Kennzeichnung, die „ein Bürgerrecht ist“. Die Bundesministerin für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus, Elisabeth Köstinger, verweist dazu auf das bereits fertige Gesetz zur Herkunftskennzeichnung, das demnächst in Begutachtung gehen wird: „Die Konsumentinnen und Konsumenten wollen bei verarbeiteten Produkten sehen, woher die wertvollen Rohstoffe wie Fleisch, Eier und Milch stammen. Es wird künftig nicht mehr möglich sein, Inhaltsstoffe aus anderen Ländern zu verwenden und mit Österreich zu werben. Das muss auch auf EU-Ebene lückenlos umgesetzt werden, denn wenn man eine Strategie vom Acker bis zum Teller umsetzt und dann die Produkte nicht entsprechend kennzeichnet, führt sich das System ad absurdum.“

 

Pernkopf: Müssen Energie und Lebensmittel regional produzieren

Angesichts der aktuellen Diskussionen um die Waldnutzung, Atomkraft und Gaspreise nennt Stephan Pernkopf Forderungen für die künftige Energiepolitik in Österreich und auf EU-Ebene. „Im Bereich Energie sind wir zu abhängig geworden von Gas.

Die enorm gestiegenen Großhandelspreise schaffen Abhängigkeiten. Daher müssen wir das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz rasch mit Leben erfüllen, um mehr Energie zu produzieren. Im Zusammenhang mit der ökosozialen Steuerreform fordere ich zudem die sofortige Umsetzung des Sonder-Investitionsprogrammes Energieautarker Bauernhof. Hier wurde ja Geld bereitgestellt und zugesagt, um unsere Bauernhöfe krisensicher zu machen, aber das geht mir noch viel zu langsam. Klar muss auch sein: Eine Energiewende muss richtig gemacht sein. Es ist falsch, wenn Kohlekraftwerke wieder ausgemottet werden oder Atomkraftwerke grüne Mascherl erhalten.“

Zur Landwirtschaft verweist Stephan Pernkopf darauf, dass der GAP-Strategieplan am Tisch liegt. Er wünscht sich jedoch ein europäisches Umdenken für die nächsten Jahre: „Wenn der Green Deal dazu führt, dass die Lebensmittel-Produktion merklich sinkt, dann ist es der falsche Weg, der zu mehr Abhängigkeit, mehr CO2-Ausstoß und mehr Kondensstreifen am Himmel führen wird.

Die Folge sind höhere Lebensmittelpreise für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Daher sollten wir Energie und Lebensmittel in Österreich und Europa produzieren. Die Maßnahmen sollten jedoch auch zu guten Preisen für die Bäuerinnen und Bauern und leistbaren Preisen für die Verbraucherinnen und Verbraucher führen.“ Dabei sieht Stephan Pernkopf drei wesentliche Handlungsstränge:

1. Kreisläufe schließen.
2. Die Zusammenarbeit in der EU stärken.
3. Lieferketten kurz und in der Region halten. ~

Köstinger: Faire Preise für Betriebe, leistbare Preise für Menschen

Elisabeth Köstinger hob die positiven Effekte der COVID-Pandemie für die Landwirtschaft hervor: „Durch die COVID-Pandemie hat ein Umdenken in der Gesellschaft stattgefunden. 2020 hatten wir mit plus 24 Prozent das historisch höchste Wachstum bei der Nachfrage nach regionalen Produkten aus Direktvermarktung. Die Konsumentinnen und Konsumenten fragen auch verstärkt Herkunft und Produktionsweise nach und machen sich Gedanken über die künftige Landwirtschaft.“

„Die Bäuerinnen und Bauern haben ihre Hausaufgaben gemacht, denn wir haben flächendeckende bäuerliche Strukturen von Gunstlagen bis ins Berggebiet und produzieren qualitativ hochwertige Lebensmittel. Sie haben auch international mit Platz 2 beim Global Food Index ein gutes Zeugnis ausgestellt bekommen, was Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Tierwohl anbelangt. Wir haben in Österreich das Glück, uns in allen wichtigen Produktgruppen zu einem hohen Grad selbst versorgen können. Die Bäuerinnen und Bauern sollten aber auch einen fairen Preis für ihre Produkte bekommen“, so Elisabeth Köstinger.

Um unfaire Handelspraktiken künftig zu verhindern, gilt seit 1. Jänner 2022 ein neues Gesetz, zudem wird ab 1. März eine Ombudsstelle für Betroffene eingerichtet. Ziel ist es, dass Handels- und Verarbeitungsbetriebe die Bäuerinnen und Bauern nicht mehr unter Druck bringen können.

„Es geht darum, dass endlich das in der Werbung vermittelte Bild der Landwirtschaft am Verhandlungstisch gelebt wird“, so Elisabeth Köstinger. Der Bund geht jedenfalls als Vorreiter voran und hat die öffentliche Beschaffung auf regionale und saisonale Produkte umgestellt. „Damit leisten wir einen Beitrag dazu, dass heimische Produkte stärker wertgeschätzt werden und ein fairer Preis bezahlt wird.“

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