Eine hochkarätige Delegation der niederösterreichischen „Fleischkönner“ reiste für drei Tage in die Niederlande, um innovative Fleischerbetriebe, neue Vermarktungskonzepte und internationale Zukunftstrends kennenzulernen. Die Fachreise bot zahlreiche neue Eindrücke und so manchen überraschenden Aha-Effekt.
Wer eine Reise macht, der kann etwas erzählen – eine altbekannte Redewendung, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Genau deshalb machte sich eine 16-köpfige Reisegruppe der niederösterreichischen Fleischkönner inklusive eines Chronisten auf den Weg in die Niederlande, um dort Kollegen zu besuchen, Erfahrungen auszutauschen und spannende Geschäftsideen näher kennenzulernen.
An der Spitze der Reisegruppe standen Landesinnungsmeister Jakob Ellinger und dessen Gattin Ingrid, die Fleischkönner-Initiatoren Doris Steiner und Gatte Franz, Wolfgang Seidl und seine beiden Söhne Clemens und Matthias, weiters die Fleischermeister Jürgen und Johann Fichtenbauer, Ferdinand Wild sen. und jun., Gerald Karl Arthold und Richard Kolobratnik. Dazu noch Innungsgeschäftsführer Heinrich Schmid und Wolfgang Kessler, Agenturchef und Erfinder der Fleischkönner-Kampagne.
Dreitägiges Mammutprogramm
An drei Tagen erwartete die Reisenden ein dichtes und abwechslungsreiches Programm. Nach der Landung am Flughafen Amsterdam Schiphol ging es direkt mit dem Bus weiter zum ersten Termin nach Den Haag, dem niederländischen Regierungssitz und Standort zahlreicher internationaler Institutionen wie etwa des Europäischen Gerichtshofs und des Europäischen Patentamts. Empfangen wurde die Gruppe von Martina Eicher vom Außenwirtschaftscenter der Wirtschaftskammer Österreich in Den Haag.

Eef Brouwers von der europäischen Seetang Vereinigung informierte über die niederländischen Aktivitäten zur kommerziellen Seetang-Gewinnung. © HaRo
Seetang sowie Hybridprodukte
Den Auftakt des Fachprogramms bildete ein Vortrag der Europäischen Seetang-Vereinigung, die derzeit rund 130 Mitglieder zählt. Deren Repräsentant Eef Brouwers informierte ausführlich über die niederländischen Aktivitäten rund um die kommerzielle Gewinnung von Seetang für unterschiedliche Ernährungsstrategien.
In den Niederlanden setzt man dabei vor allem auf das enorme Potenzial der Weltmeere: Rund 71 Prozent der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt, genutzt werden davon bisher aber nur etwa zwei Prozent. Für die Branche eröffnet das große Zukunftsperspektiven. Aktuell werden in Europa rund 300.000 Tonnen Seetang gewonnen, lediglich ein Prozent davon stammt aus gezielt angelegten Kulturen. Angesichts der Tatsache, dass ein Hektar jährlich rund 200 Tonnen Seetang liefern kann, sehen Experten darin einen stark wachsenden Zukunftsmarkt. Die EU rechnet in den kommenden Jahren mit einem massiven Anstieg der Nachfrage.
Im Anschluss daran präsentierte Aris Molenaar von Olijck Foods B. V. sogenannte Hybridprodukte aus Fleisch und Seetang – eine Nische, die in den Niederlanden zunehmend auf Interesse stößt. Das Unternehmen spezialisiert sich auf innovative Produkte, bei denen ein Teil des Fleischanteils durch Zutaten wie Seetang ersetzt wird. Ziel ist es, den Fleischkonsum zu reduzieren, ohne Geschmack oder Textur grundlegend zu verändern.
Bei der anschließenden Verkostung wurde unter anderem ein Carpaccio mit Seetang serviert. Der Tenor innerhalb der niederösterreichischen Reisegruppe fiel allerdings eher zurückhaltend aus: interessant, aber geschmacklich gewöhnungsbedürftig – und in Österreich derzeit wohl nur schwer vorstellbar.

Das Biologisch Vleesch Atelier von Fleischermeister Romano Kollau zählt zu den spannendsten Bio-Fleischereien der Niederlande.© HaRo
Biofleisch mit klarer Handschrift
Danach stand der erste Fleischerbesuch auf dem Programm – und dieser erwies sich gleich als einer der Höhepunkte der gesamten Tour. Das Biologisch Vleesch Atelier von Fleischermeister Romano Kollau hat sich konsequent auf biologische Fleisch- und Wurstwaren spezialisiert. Der junge Fleischermeister führt den rund 30 Jahre alten Betrieb mittlerweile seit sechs Jahren und setzt dabei konsequent auf Handwerk, Qualität und Eigenproduktion.
Der durchschnittliche Preis für Biofleisch liegt in den Niederlanden derzeit rund 20 Prozent über jenem von konventioneller Ware. Kollau kauft ganze Tiere an, ergänzt fehlende Teilstücke durch Zukäufe und zerlegt sowie verarbeitet den Großteil direkt im eigenen Betrieb weiter. Rund 80 Prozent der angebotenen Produkte werden selbst hergestellt. Besonders beeindruckt zeigte sich die niederösterreichische Delegation vom breiten Sortiment an frischen, ungebrühten Bratwürsten, das in dieser Vielfalt selbst erfahrene Fleischer überraschte.
Tradition mit königlichem Siegel
Nicht weit davon entfernt befand sich die nächste Station: die Fleischerei Dungelmann. Schon der Eingangsbereich sorgte für Aufmerksamkeit, prangte dort doch gut sichtbar die Auszeichnung „Hofleverancier“ – auf Deutsch „Hoflieferant“.
Filialleiter Reus van Eck begrüßte die österreichische Delegation und stellte einen Betrieb vor, der auf eine mittlerweile 165-jährige Geschichte zurückblickt und heute stark auf Fertig- und Halbfertiggerichte setzt. Besonders beliebt seien Fleischbällchen in unterschiedlichsten Variationen, die in den Niederlanden einen hohen Stellenwert genießen.
Das Fleisch stammt ausschließlich von Tieren aus Freilandhaltung. Rindfleisch reift bis zu 40 Tage, Schweinefleisch immerhin rund eine Woche am Knochen. Firmeninhaber Raffaele Massaro legt dabei großen Wert auf die handwerkliche Tradition des Hauses und verbindet diese mit modernen Konsumgewohnheiten und einem breiten Convenience-Angebot.
Verband mit monarchischem Titel
Der zweite Tag begann mit einem „königlichen“ Termin: Keus van Essen, Vorsitzender der königlichen Branchenvereinigung für Fleischer, der Koninklijke Nederlandse Slagers, mit rund 1.200 Mitgliedsbetrieben, begrüßte gemeinsam mit Geschäftsführerin Marion Lemsom die österreichische Reisegruppe in der Fleischerei van Warmenhoven in Wateringen. Der mittlerweile 75 Jahre alte Betrieb wird bereits in dritter Generation geführt.
Inhaber Keus van Essen ist besonders stolz darauf, dass das Rindfleisch von den eigenen Kühen stammt und die Schweine von fünf Partnerbauern aus der Region bezogen werden. Von der Weide bis zum Verkaufsregal kennt der Fleischermeister die gesamte Lieferkette und kann so eine hohe Qualität garantieren. Gleichzeitig verpflichtet die Organisation ihre Mitglieder zu strengen Standards in der Tierhaltung.
Die meisten Produkte werden nach den Originalrezepturen des Betriebs hergestellt, nur ein kleiner Teil entsteht direkt im eigenen Haus. Auffällig für die niederösterreichischen Besucher: Van Essen setzt bei seinem rund 30-köpfigen Team stark auf Eigenverantwortung und ist mittlerweile sogar einen Tag pro Woche bewusst nicht mehr im Betrieb präsent.
Keurslagers als Erfolgskonzept?
Der nächste besuchte Betrieb gehört den sogenannten Keurslagers an – einer niederländischen Fleischervereinigung mit mehr als 250 Mitgliedern, die seit mittlerweile 80 Jahren ein gemeinsames Marketingkonzept verfolgt. Die Organisation versteht sich als starke Interessenvertretung der Branche und steht sowohl mit Behörden als auch mit der Politik in engem Austausch. Für die Mitglieder sind unter anderem regelmäßige Mystery-Shopping-Kontrollen verpflichtend vorgesehen.
Die Zentrale der Vereinigung in Utrecht beschäftigt Experten, die die Mitgliedsbetriebe in Bereichen wie Marketing, Produktentwicklung und Betriebswirtschaft unterstützen. Eigene Qualitätsrichtlinien schreibt die Organisation den Unternehmen allerdings nicht vor. Der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt rund 6.000 Euro.
Fleischermeister Hub Polaj führt seinen Betrieb bereits in dritter Generation und entwickelte das Geschäft in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem Feinkostladen mit Schwerpunkt Fleisch und Fleischwaren weiter. Der Grund: Der reine Fokus auf klassische Fleisch- und Wurstwaren habe eine gewisse Stagnation mit sich gebracht. Die Würste produziert der Betrieb weiterhin selbst, beim Fleisch steht Qualität klar im Mittelpunkt.
Auffällig sei zudem der starke Trend hin zu Fertig- und Halbfertigprodukten. Der durchschnittliche Fleischerkunde in den Niederlanden ist mittlerweile rund 55 Jahre alt, die Gewinnmargen der niederländischen Fleischer liegen bei etwa zehn Prozent.
Supermarkt als Erlebniswelt
Als Nächstes stand die Besichtigung eines Supermarktes der Jumbo-Kette samt beeindruckendem Food-Store auf dem Programm. Niederlassungsleiter Martin van Etten führte die Gruppe durch ein wahres Schlaraffenland mit einem enorm breiten Sortiment an Fleisch- und Wurstwaren. Angesichts der Vielfalt stellt sich dem Betrachter allerdings rasch eine zentrale Frage: Wie hoch ist eigentlich jener Anteil der Ware, der am Ende nicht verkauft wird und entsorgt werden muss?
Die Jumbo-Kette betreibt rund 700 Märkte in den Niederlanden und zählt damit zu den größten Akteuren des Landes. Insgesamt gibt es in den Niederlanden rund 6.500 Supermärkte.
Landwirtschaft auf dem Wasser
Gegen Ende des fachlichen Besuchsprogramms wartete in Rotterdam nochmals ein besonders außergewöhnliches Konzept auf die niederösterreichischen Besucher: die sogenannte Floating Farm, eine schwimmende Rinderfarm. Die rund 35 Milchkühe können am Ufer grasen und gelangen anschließend über eine Brücke zum schwimmenden Stallponton, wo sie fressen, rasten oder den Melkroboter aufsuchen.
Hinter dem Projekt steckt die Idee, Lebensmittelproduktion künftig stärker direkt in Städten und auf dem Wasser zu verankern, um Versorgungssicherheit auch in Krisenzeiten gewährleisten zu können. Auslöser für das Konzept war Hurrikan Sandy, der 2012 Teile New Yorks lahmlegte und die Lebensmittelversorgung der Millionenstadt innerhalb weniger Tage massiv beeinträchtigte.
Das Floating-Farm-Konzept setzt daher auf autarke Lebensmittelproduktion in Wassernähe. Die Nähe zu Flüssen, Häfen und Küsten sei historisch ohnehin ein entscheidender Faktor für die Entwicklung vieler Städte gewesen. Heute gilt die Anlage in Rotterdam als international beachtetes Innovationsprojekt mit eigener Molkerei sowie Bildungs- und Forschungsangeboten für Studierende.

Die Fleischkönner-Spitze beim Wirtschaftsdelegierten (v. l.): Jakob Ellinger, Doris Steiner, der Wirtschaftsdelegierte Christian H. Schierer, Martina Eicher und Wolfgang Seidl. © HaRo
Wirtschaftliche Perspektiven
Der zweite Tag endete mit einem Empfang beim österreichischen Wirtschaftsdelegierten in den Niederlanden, Christian H. Schierer. Dieser gewährte den Gästen spannende Einblicke in die Erfolgsgeschichte der niederländischen Wirtschaft, verwies gleichzeitig aber auch auf die Stärken österreichischer Unternehmen.
„Wir brauchen uns nicht zu verstecken“, betonte Schierer. Von den rund 635.000 heimischen Unternehmen seien etwa 60.000 exportaktiv und würden damit rund 60 Prozent der österreichischen Wirtschaftsleistung erwirtschaften. Österreichische Unternehmen seien in zahlreichen Bereichen international erfolgreich und vielfach sogar weltmarktführend – etwa beim Gleisbau oder in der Ziegelproduktion. Gleichzeitig dürfe man in anderen Bereichen den Anschluss nicht verlieren.
Der letzte Tag stand schließlich ganz im Zeichen des Sightseeings: Eine Grachtenrundfahrt durch Amsterdam bildete den entspannten Abschluss der Reise, ehe noch Zeit für individuelle Erkundungen und eine Shoppingtour blieb. Das Resümee der Fleischkönner fiel jedenfalls positiv aus:
„Wir haben hier vieles gesehen und gehört, werden die Reise ordentlich aufarbeiten und unsere Schlüsse für die hoffentlich erfolgreiche Zukunft der Fleischkönner ziehen.“
Autor: HaRo










