
In Österreich wird aktuell eine angeregte Diskussion über den sogenannten Nutri-Score, ein französisches Ampelsystem zur Kennzeichnung von Lebensmitteln, geführt. Dabei handelt es sich um ein farbiges Bewertungssystem, das Produkte vom grünen „A“ bis hin zum roten „E“ kategorisiert, um Käufern zu helfen, „gute“ von „schlechten“ Lebensmitteln zu unterscheiden. Die heimische Lebensmittelindustrie äußert jedoch seit geraumer Zeit umfassende Kritik an diesem Ansatz. „Der Nutri-Score hat sich bisher nicht in der EU durchgesetzt. 20 Mitgliedstaaten unterstützen ihn nicht, einige lehnen ihn sogar offen ab. Die wissenschaftliche Kritik am Konzept nimmt zu und zeigt, dass es als EU-weites Modell praktisch gescheitert ist“, bringt Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie, auf den Punkt. Die Skepsis erstreckt sich auch auf die Schweiz, wo Experten die Sinnhaftigkeit der Einführung des Nutri-Scores ebenfalls in Frage stellen.
Ein zentrales Argument gegen den Nutri-Score ist dessen fehlender Einfluss auf die tatsächliche Gesundheit der Verbraucher. „Zusätzliche Kennzeichnung auf Verpackungen führt nicht zu gesünderem Verhalten. Die Ampel macht nicht schlank“, erklärt Koßdorff. Studien der Europäischen Kommission und der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) belegen zudem, dass kein Zusammenhang zwischen diesem zusätzlichen Farbsystem und einer verbesserten Ernährung nachgewiesen werden kann. Der Nutri-Score wurde von Fachleuten auch als irreführend kritisiert, da er beispielsweise bei einer Pizza ein „grünes A“ vergibt, während Vollmilch ein „C“ erhält.
Wirtschaftliche Herausforderungen durch nationale Vorgaben
Die Überlegung, den Nutri-Score in Österreich gesetzlich vorzuschreiben, würde erhebliche wirtschaftliche Folgen für die heimischen Lebensmittelhersteller haben. Diese sehen sich gezwungen, ihre Verpackungen ständig an die unterschiedlichen Marktanforderungen anzupassen – ein enormer bürokratischer und finanzieller Aufwand. Insbesondere in Deutschland, dem wichtigsten Exportmarkt für österreichische Lebensmittel, wird der Nutri-Score empfohlen. Im Gegensatz dazu lehnt Italien, als zweitgrößter Exportmarkt, dieses System vehement ab. Dort werden Produkte mit einem Nutri-Score als irreführend betrachtet, was Anbieter mit Strafen belegt.
Eine flächendeckende Anwendung des Nutri-Scores würde somit die Anpassung der Produkte für eine Vielzahl an Exportländern erfordern – in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheiten und sinkender Wettbewerbsfähigkeit ist das kaum zu stemmen. Der Export bleibt für die österreichische Lebensmittelindustrie ein entscheidender Faktor: Zwei von drei in Österreich produzierten Lebensmitteln werden international verkauft. Daher fordert die Branche einheitliche EU-Regelungen für die Lebensmittelkennzeichnung und lehnt nationale Regelungen strikt ab, um den freien Warenverkehr zu sichern.
Außerdem ist der Nutri-Score nicht das einzige Kennzeichnungssystem. Während in Italien ein Batteriesystem eingesetzt wird, favorisieren die skandinavischen Länder ein Schlüsselloch-Modell. Sollte die Europäische Kommission ein wissenschaftlich fundiertes, diskriminierungsfreies und leicht verständliches Modell zur Nährwertkennzeichnung entwickeln, sind die österreichischen Lebensmittelhersteller bereit, dies zu unterstützen.
Ernährungsbildung statt neuer Kennzeichnungen
Übergewicht und seine Ursachen sind vielfältig. Koßdorff fordert daher einen grundlegenden Wandel in der Ernährungskommunikation: „Anstatt verstärkt Kennzeichnungen auf Verpackungen zu fordern, sollten wir die Bevölkerung, insbesondere Kinder, über Ernährung und gesunde Lebensweise aufklären.“ Nur durch umfassende Ernährungsbildung könne ein nachhaltiger Effekt auf die Gesundheit erzielt werden. Dabei setzt die Lebensmittelindustrie auf innovative Produkte mit weniger oder gar keinen Kalorien und fördert aktiv die Weiterentwicklung qualitativ hochwertiger Produkte „Made in Austria“.
Die Branche hat in den letzten Jahren durch die Plattform „Österreich isst informiert“ viel zur Aufklärung beigetragen. Qualitativ hochwertige Programme zur Ernährungsbildung finden seine Zustimmung, sodass Konsumenten informierte Entscheidungen treffen können.
Die Lebensmittelindustrie in Österreich nimmt eine bedeutende Wirtschaftsrolle ein. Mit rund 200 Unternehmen, die 27.400 Menschen beschäftigen, erwirtschaftet die Branche ein beachtliches Produktionsvolumen von 12 Milliarden Euro. Davon fließen etwa 10 Milliarden Euro in internationale Märkte in über 180 Länder – eine wichtige Quelle für Arbeitsplätze und die Versorgung der Bevölkerung. Die Unterstützung des heimischen Fleischerhandwerks ist dabei unerlässlich, da hier Qualität, Wertschöpfung und das Tierwohl im Fokus stehen.