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„ Wir stehen mit dem Rücken zur Wand!”

Fleisch & Co bat den neuen Obmann der österreichischen Fleischwarenindustrie, den Villacher Unternehmer Rudolf Frierss, zum großen Einstandsinterview.

Seit 1990 führt der gelernte Fleischer Rudolf Frierss gemeinsam mit seinem Bruder Kurt Frierss und seinem Neffen Kurt Frierss jun. das gleichnamige Familien-Unternehmen. Seit letztem Jahr fungiert Rudolf Frierss auch als Obmann der Fleischwarenindustrie. Fleisch & Co hat den Unternehmer zu seinem ersten Interview gebeten und über die Mehrfach-Krise der österreichischen Fleischwirtschaft gesprochen.

Fleisch & Co: Herr Frierss, zunächst herzlichen Glückwunsch zur neuen Funktion als Obmann der Fleischwarenindustrie. Eine Spitzenposition in einer nicht gerade einfachen Zeit, oder?

Rudolf Frierss: „Man könnte jetzt nicht behaupten, dass die vergangenen Jahre nicht auch herausfordernd gewesen wären. Seit der BSE-Krise war es immer gerade die Fleischwirtschaft, die vor besonderen wirt- schaftlichen Herausforderungen gestanden hat. Dennoch ist Österreich seit jeher für seine hochwertigen Fleischerzeugnisse bekannt und gerade dieser Anspruch, gepaart mit unternehmerischem Geschick und be- harrlicher Konsequenz, war es, der uns immer wieder durch Krisenzeiten geholfen hat. In einer in über hundert Jahren nie dagewesenen Pandemiesituation die Obmannschaft zu übernehmen, ist natürlich eine Aufgabe, der ich mich aber mit viel Zuversicht und Optimismus stelle.“

„Wir brauchen kein ideologisches Fleisch-Bashing als Begleitmusik!”

Rudolf Frierss, Obmann der Fleischwarenindustrie

 

Fleisch & Co: Wo liegen für die Fleischwarenindustrie derzeit die größten Herausforderungen?

Rudolf Frierss: „Die Pandemie hat natürlich auch vor unseren Mitgliedsbetrieben nicht Halt gemacht und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen massiv verändert. Besonders prekär ist die Situation im Personalbereich, die sich seit Coronabeginn nochmals verstärkt hat, obwohl wir als Lebensmittelversorger und damit der kritischen Infrastruktur zurechenbarer Betrieb keine behördlichen Schließungen unserer Betriebsstätten hinnehmen mussten. Fachkräfte sind kaum zu bekommen – im Inland nicht, aber mittlerweile auch nicht im Ausland. Und selbst bei den Hilfskräften ist es schon sehr schwer, gute Leute zu bekommen.

Aktuell machen uns vor allem die exorbitanten Preiserhöhungen im Energiesektor schwer zu schaffen. Gerade für die Fleischwirt schaft als sehr energieintensive Branche stellt die Erhöhung der Energiepreise um das Drei- bis Vierfache eine extreme Herausforderung dar, insbesondere in Zeiten, in denen wir nicht wissen, wie sich der russisch-ukrainische Konflikt weiterentwickeln wird.

Auch im Bereich der Verpackungsmaterialien und Gewürze tun sich ähnliche Probleme auf. Die Preise steigen seit Monaten, eine Besserung ist nicht in Sicht. Ungeachtet der starken Erhöhung der Einkaufspreise von Zu- taten, Hilfsstoffen und Verpackung stehen wir heute allerdings vielmehr vor der Herausforderung, diese überhaupt in ausreichender Menge zu bekommen. Die Lieferzeiten haben sich teilweise verdoppelt und sind dazu enorm unsicher, was die Produktionsplanung vor zusätzliche Schwierigkeiten stellt. Oder das Thema Logistik: Aufgrund von Covid feststeckende Container in Asien, Preiserhöhungen für Benzin und Diesel, aber auch die nun beschlossene CO2-Bepreisung, bedeuten einen massiven Anstieg der Kosten.“

Fleisch & Co: Sind spürbare Preiserhöhungen der einzige Ausweg oder gibt es noch Ein- sparungspotenziale?

Rudolf Frierss: „Nun, das ist Sache eines jeden einzelnen Unternehmens. Veränderte Rahmenbedingungen erfordern sicherlich auch angepasste strategische Ausrichtungen. Ob sich das in Preiserhöhungen niederschlägt und wenn ja, in welchem Umfang, ist eine kaufmännische Entscheidung, die jeder Betrieb für sich selbst treffen muss. Festzuhalten bleibt, dass die Betriebe schon seit vielen Jahren mit dem Rücken zur Wand stehen und alle Einsparungspotenziale, ohne Abstriche bei der Qualität zu machen, längst ausgereizt sind.“

Fleisch & Co: Die Fleischpreise sind momentan nur beim Rindfleisch ein Thema, angenommen die Schweinepreise würden wieder in lichte Höhen steigen wie 2020, geht der Branche dann die Luft aus?

Rudolf Frierss: „Die Rindfleischpreise sind in den letzten Monaten kontinuierlich gestiegen und es ist zurzeit kein Ende in Sicht. Die Preise befinden sich aktuell auf einem bisher noch nie dagewesenen Niveau. Welche Auswirkungen zu erwartende Preissteigerungen bei Schweinefleisch haben könnten, kann zur Stunde niemand seriös voraussagen.“

Fleisch & Co: Die Fleischbranche kämpft ja an vielen Fronten. Der Fleischkonsum wird für den Klimawandel mitverantwortlich gemacht. Wie muss die Branche darauf reagieren und welche Kommunikationsstrategie werden Sie als oberster Repräsentant fahren?

Rudolf Frierss: „Gerade die Fleischwirtschaft steht hier immer wieder im Fokus. Hier wird sowohl auf nationaler und auch internationaler Ebene ständig mit falschen Zahlen herumgeworfen. So wird der Anteil der Landwirtschaft an den Treibhausgasen regelmäßig mit rund 30 Prozent angegeben. Mit dem Zusatz, das wäre vor allem die Schuld der Fleischwirtschaft. Eine Zahl und eine Aussage die für Österreich und Europa absolut nicht stimmt. Bei uns liegt der Anteil der Landwirtschaft an den Treibhausgas-Emission bei zehn Prozent, davon stammt nur die Hälfte aus der Fleischwirtschaft, deren Anteil damit bei uns bei gerade mal fünf Prozent liegt. Wenn Sie sich die Zahlen aus Deutschland, Italien, aber auch der USA ansehen, finden Sie ähnliche Werte.

Wir als Fleischbranche und ich als Obmann kämpfen hier massiv dagegen an. Nicht nur in Österreich. Wir haben uns auf EU-Ebene, wo die künftigen großen Entscheidungen zu den Klimamaßnahmen ja fallen werden, mit der gesamten Fleischwirtschaft – von der Landwirtschaft angefangen – und mit der Wissenschaft zusammengeschlossen. Gemeinsam treten wir wieder und wieder bei den Entscheidungsträgern auf, im EU-Parlament, im Rat und natürlich auch in der Europäischen Kommission, um hier die Dinge richtig zu stellen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, die Fleischwirtschaft ist sich der Klimaproblematik sehr bewusst und absolut bereit, ihren Anteil an der Senkung der Treibhausgase zu leisten, das betonen wir immer wieder –, aber ohne ideologisches ‚Fleisch-Bashing‘ als Begleitmusik.“

Fleisch & Co: Noch eine abschließende Frage an Sie als Unternehmer: Wie geht es Frierss nach zwei Jahren Pandemie?

Rudolf Frierss: „Wie schon erwähnt, sind wir als Lebensmittelhersteller Teil der kritischen Infrastruktur und damit zur Befriedigung der lebensnotwendigen Bedürfnisse berufen. Daher waren wir nicht von einer völligen Schließung des Betriebes betroffen. Unser Unternehmen ist breit aufgestellt, weil wir unsere Fleisch- und Wurstspezialitäten nicht nur im Lebensmitteleinzelhandel, sondern auch im Großhandel und der Gastronomie vertreiben.

Aufgrund der Covid-Verordnungen und der damit verbundenen behördlichen Schließungen der Gastronomie ist uns der gesamte Bereich der Gastronomie und großen Teils auch der C&C Bereich weggefallen, ebenso unser eigenes Restaurant ,Frierss Feines Haus‘, was natürlich sehr schmerzhaft war. Die große Unsicherheit durch Omikron lässt vorerst keine optimistischen Erwartungen für diese Bereiche zu.

Die angesprochene, auf uns zurasende Kostenlawine, stellt uns vor eine weitere Herausforderung. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Dies erfordert ein entsprechendes Entgegenkommen all unserer Kunden. Schließlich war die Sicherung der Lieferfähigkeit mit unseren Wurst- und Schinkenspezialitäten in Österreich über die ganze Pandemie hinweg wirklich nur mit höchsten Anstrengungen und größter Flexibilität möglich. An dieser Stelle gilt natürlich besonders auch unseren Mitarbeitern großer Dank.“

Autor: HaRo

 

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