ÖBKZ Eigenwerbung

Vom landwirtschaftlichen Betrieb über die Verarbeitung bis zur Fleischtheke ist Tiergesundheit eine gemeinsame Grundlage. Wenn Rinder oder Schweine an einer bakteriellen Infektion erkranken, zählt nicht nur, wie rasch behandelt wird. Entscheidend ist auch, ob der gewählte Wirkstoff gegen den Erreger noch greift. Genau dazu liefert der neue ResAT-Vet-Bericht der AGES erstmals ein österreichweites klinisches Lagebild.

Die zentrale Botschaft: Besonders bei krankmachenden Escherichia coli sind Resistenzen weit verbreitet. Bei anderen wichtigen Erregern bestehen dagegen weiterhin gute Behandlungsmöglichkeiten. Pauschale Antworten gibt es nicht – und gerade deshalb wird das Antibiogramm wichtiger.

Erster bundesweiter Blick auf erkrankte Tiere

Für den ResAT-Vet Resistenzbericht Österreich 2025 untersuchte die AGES 1.085 Bakterienisolate. 619 stammten von Schweinen, 466 von Rindern. Sieben veterinärmedizinische Labore lieferten Proben aus allen Bundesländern mit Ausnahme Wiens.

Anders als viele bisherige Monitoringprogramme konzentriert sich ResAT-Vet auf Erreger aus klinisch erkrankten Tieren. Die Ergebnisse wurden anhand klinischer Grenzwerte beurteilt. Vereinfacht gesagt zeigen diese, ob ein Antibiotikum bei üblicher Dosierung voraussichtlich wirken kann.

Bettcher / Oktober – November 2026

Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick

  • 1.085 Isolate von klinisch erkrankten Schweinen und Rindern wurden untersucht.
  • 51 Prozent der krankmachenden E. coli-Isolate vom Rind waren multiresistent.
  • 36 Prozent der pathogenen E. coli vom Schwein zeigten Multiresistenzen.
  • 43 Prozent der Staphylococcus aureus-Isolate vom Schwein waren multiresistent.
  • Bei mehreren Erregern fielen besonders hohe Resistenzen gegen Tetrazyklin auf.
  • Mehrere wichtige Atemwegserreger zeigten zugleich eine günstige Resistenzlage.

E. coli ist das deutlichste Warnsignal

Am stärksten stechen die Ergebnisse für pathogene E. coli hervor. Beim Rind war mehr als jedes zweite der 180 untersuchten Isolate gegen mehrere Wirkstoffe resistent. Beim Schwein traf das auf mehr als jedes dritte der 234 Isolate zu.

Bei E. coli vom Rind zeigten sich besonders hohe Resistenzraten gegen Tetrazyklin mit 67 Prozent und Ampicillin mit 62 Prozent. Gegen die Kombination Sulfamethoxazol/Trimethoprim waren 48 Prozent resistent. Beim Schwein lagen die höchsten Werte für Ampicillin und Tetrazyklin ebenfalls bei knapp über 50 Prozent.

Diese Zahlen bedeuten nicht, dass Infektionen generell nicht mehr behandelbar sind. Sie zeigen aber, wie riskant eine Therapie allein nach Erfahrung werden kann. Welcher Wirkstoff im konkreten Bestand Erfolg verspricht, lässt sich zunehmend nur durch die Untersuchung des Erregers beantworten.

Tetrazyklin als auffällige Schwachstelle

Hohe Tetrazyklin-Resistenzen ziehen sich durch mehrere Teile des Berichts. Bei Streptococcus suis vom Schwein waren 76 Prozent der untersuchten Isolate resistent. Bei Trueperella pyogenes vom Rind lag der Anteil bei 66 Prozent, bei Pasteurella multocida vom Rind bei 50 Prozent.

Das Gesamtbild ist dennoch differenziert. Streptococcus suis zeigte beispielsweise keine Resistenzen gegen Ampicillin, Ceftiofur und Florfenicol. Auch bei Trueperella pyogenes wurden gegen Betalaktame keine Resistenzen festgestellt. Eine hohe Resistenz gegen einen Wirkstoff bedeutet somit nicht automatisch, dass für den Erreger keine wirksamen Behandlungsoptionen mehr bestehen.

Bei Atemwegserregern gibt es auch gute Nachrichten

Mehrere bedeutende Atemwegserreger erwiesen sich gegenüber vielen getesteten Wirkstoffen als gut empfindlich. Bei Pasteurella multocida vom Schwein lagen die Resistenzen überwiegend im niedrigen Bereich. Gegen Amoxicillin/Clavulansäure wurden keine resistenten Isolate gefunden.

Ähnlich günstig war das Bild bei Mannheimia haemolytica vom Rind. Gegen Ceftiofur und Tildipirosin stellte die AGES keine Resistenzen fest. Bei mehreren weiteren Wirkstoffen lagen die Werte lediglich zwischen 1 und 7 Prozent.

Auch Actinobacillus pleuropneumoniae, ein wichtiger Erreger von Atemwegserkrankungen beim Schwein, zeigte für die meisten untersuchten Wirkstoffe niedrige Resistenzraten. Tetrazyklin fiel mit 16 Prozent erneut ungünstiger aus.

Kritische Wirkstoffe besonders im Blick

Ein eigenes Kapitel widmet ResAT-Vet jenen Antibiotikaklassen, die für die Behandlung lebensbedrohlicher Infektionen beim Menschen von höchster Bedeutung sind. International werden sie als „Highest Priority Critically Important Antimicrobials“, kurz HPCIAs, bezeichnet. Dazu gehören unter anderem Fluorchinolone, Colistin und Cephalosporine der dritten und vierten Generation.

Bei pathogenen E. coli vom Rind waren 23 Prozent der Isolate gegen Enrofloxacin resistent. Für Ceftiofur lag der Wert bei 8 Prozent, für Colistin bei 2 Prozent. Ein einzelnes Rinder-Isolat war gegen alle drei untersuchten HPCIA-Wirkstoffe resistent.

Bei E. coli vom Schwein lagen die Werte bei 14 Prozent für Enrofloxacin, 12 Prozent für Ceftiofur und 4 Prozent für Colistin. Kein Isolat war gegen alle drei Wirkstoffe resistent.

Auffällig war außerdem Staphylococcus aureus vom Schwein: 43 Prozent der Isolate waren multiresistent. Mehr als die Hälfte wurde als resistent gegen Ceftiofur eingestuft, 27 Prozent gegen Enrofloxacin.

Was heißt das für die Praxis?

Der neue Bericht liefert Orientierung, ersetzt aber keine Diagnose im Einzelfall. Die österreichweiten Werte zeigen, bei welchen Erreger-Wirkstoff-Kombinationen besondere Vorsicht angebracht ist. Für die Therapie eines konkreten Tieres oder Bestands ist dennoch die Situation vor Ort ausschlaggebend.

Die AGES empfiehlt deshalb, eine bakterielle Infektion möglichst durch eine Laboruntersuchung abzuklären und anschließend die Empfindlichkeit des Erregers testen zu lassen. Dieses Antibiogramm zeigt, welche Wirkstoffe voraussichtlich wirksam sind und welche nicht.

Für Tierhaltung und Bestandsbetreuung rücken damit mehrere Punkte in den Vordergrund:

  • Erkrankungen möglichst genau diagnostizieren lassen,
  • Antibiotika gezielt statt vorsorglich oder nach Gewohnheit auswählen,
  • bisherige Behandlungserfahrungen im Bestand dokumentieren,
  • Haltungsbedingungen und Management als Teil der Therapieentscheidung berücksichtigen,
  • Biosicherheit und Impfstrategien gemeinsam mit der Bestandsbetreuung prüfen sowie
  • Tiergesundheitsprobleme früh erkennen, bevor sich Infektionen im Bestand ausbreiten.

Warum das Thema Fleischereien und Industrie betrifft

Antibiotikaresistenzen sind nicht nur ein Thema für Tierärzteschaft und Landwirtschaft. Sie betreffen die gesamte Wertschöpfungskette. Wirksame Medikamente sind für Tiergesundheit und Tierwohl unverzichtbar. Gesunde Bestände sind zugleich eine Voraussetzung für stabile Lieferketten, verlässliche Rohstoffqualität und eine glaubwürdige Kommunikation über verantwortungsvolle Fleischerzeugung.

Für Fleischereien wird das Thema vor allem dann konkret, wenn Kundinnen und Kunden nach Antibiotikaeinsatz, Tierhaltung oder Herkunft fragen. Der Bericht liefert dafür wichtige Einordnung: Resistenzen entstehen bei Bakterien – nicht im Fleisch und nicht beim Tier selbst. Ein verantwortungsvoller Antibiotikaeinsatz bedeutet auch nicht, erkrankten Tieren notwendige Behandlungen vorzuenthalten. Ziel ist vielmehr, Erkrankungen zu vermeiden und erforderliche Medikamente so gezielt wie möglich einzusetzen.

Für Schlacht- und Verarbeitungsunternehmen können Tiergesundheitsprogramme, Lieferantenanforderungen und nachvollziehbare Daten aus der Primärproduktion an Bedeutung gewinnen. ResAT-Vet schafft dafür kein neues Prüfsystem, liefert aber erstmals einen nationalen Bezugspunkt für Gespräche über Prävention und Resistenzentwicklung.

Das folgt dem One-Health-Gedanken: Die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt hängt zusammen. Jede unnötige oder ungeeignete Anwendung kann die Selektion resistenter Bakterien fördern. Umgekehrt helfen gute Diagnostik, Prävention und ein gezielter Einsatz dabei, den notwendigen Antibiotikaverbrauch zu begrenzen.

Was der Bericht ausdrücklich nicht zeigt

Für eine sachliche Branchenkommunikation ist die Abgrenzung besonders wichtig: ResAT-Vet ist kein Bericht über die Sicherheit von Fleisch. Untersucht wurden Bakterien aus klinisch erkrankten Schweinen und Rindern – keine Fleischproben und keine Antibiotikarückstände.

Aus den Ergebnissen lässt sich deshalb weder ableiten, wie häufig resistente Keime auf Fleisch vorkommen, noch wie die durchschnittliche Situation in gesunden österreichischen Tierbeständen aussieht.

Auch direkte Vergleiche mit Resistenzdaten aus der Humanmedizin sind nur eingeschränkt zulässig. ResAT-Vet bewertet krankmachende Erreger anhand klinischer Grenzwerte. Andere Programme arbeiten teilweise mit Bakterien aus gesunden Tieren und epidemiologischen Vergleichswerten.

Der Anfang einer wichtigen Datenreihe

Der größte Wert von ResAT-Vet liegt nicht in einer einzelnen Prozentzahl. Erstmals steht eine nationale Grundlage zur Verfügung, mit der sich die klinische Resistenzsituation bei Rind und Schwein beschreiben lässt. Wenn weitere Berichte folgen, können Veränderungen früher erkannt und Therapieempfehlungen angepasst werden.

Für Tierhalter und Tierärzteschaft bedeutet das mehr Sicherheit bei der Einordnung. Fleischereien und Industrie erhalten belastbare Fakten für die Kommunikation entlang der Wertschöpfungskette. Fleischinteressierte wiederum können besser unterscheiden, was Resistenzdaten tatsächlich aussagen – und was nicht.

Weitere Informationen bietet die AGES auf ihrer Themenseite zu Antibiotika und Resistenzen.

 

Quelle: AGES (2026), ResAT-Vet Resistenzbericht Österreich 2025 für klinische Isolate ausgewählter tierpathogener Bakterien. Autor:innen: Eva Sodoma, Leonard Barta und Christopher Prigge.