Antibiotikaresistenz: Die stille Rechnung für die Fleischbranche
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Der „stille Schock“: Warum Nichtstun teurer kommt als Handeln
Die FAO unterscheidet in ihrer Modellierung zwei Szenarien, die sich fundamental unterschiedlich entwickeln. Ein Ausstieg aus antimikrobiellen Wachstumsförderern (AGP) verursacht einen sichtbaren, aber vorübergehenden Produktionsrückgang – die Betriebe passen sich innerhalb weniger Jahre über bessere Biosicherheit, Impfprogramme und Fütterungsmanagement an. Die Antibiotikaresistenz dagegen wirkt nach Einschätzung der Autoren wie ein „stiller Schock“: Die Effekte sind anfangs kaum spürbar, kumulieren sich aber Jahr für Jahr, ohne dass ein Erholungsmechanismus einsetzt.
| Szenario bis 2040 (kumuliert) | Wirtschaftlicher Schaden |
|---|---|
| Konsequenter AGP-Ausstieg (strengstes Szenario) | rund 46 Mrd. € (53,2 Mrd. USD) |
| Ungebremste Antibiotikaresistenz (stärkstes Szenario) | rund 276 Mrd. € (318,2 Mrd. USD) |
| Notwendige Übergangsinvestition, um die Lücke zu schließen | rund 24,6 Mrd. € (28,4 Mrd. USD) |
Die beiden Kostenkurven kreuzen sich laut Modell um das Jahr 2028 bei jeweils rund 20 Millionen Tonnen entgangener Produktion. Danach entwickelt sich die Schere immer weiter auseinander: Bis 2040 stehen kumulierten Produktionsverlusten von rund 21,5 Millionen Tonnen durch einen AGP-Ausstieg satte 149 Millionen Tonnen durch fortschreitende Resistenzen gegenüber. Auf die gesamte Weltwirtschaft gerechnet, beziffert die FAO die kumulierten Wohlfahrtsverluste durch Resistenzen bis 2040 mit rund 1,08 Billionen Euro (1,25 Billionen USD) – mehr als 15-mal so viel wie beim AGP-Ausstieg.
„Antibiotikawirksamkeit sollte als globales öffentliches Gut behandelt werden“ – Thanawat Tiensin, stellvertretender FAO-Generaldirektor, Leiter der Abteilung für Tierproduktion und -gesundheit sowie Chef-Veterinär der FAO
Wie stark sind einzelne Tierarten betroffen?
Interessant für die Praxis: Die Effekte von Wachstumsförderern unterscheiden sich stark je nach Tierart. Die im Bericht ausgewertete Metaanalyse von 95 Studien mit 128 Behandlungseffekten zeigt, dass Schwein und Rind deutlich stärker auf antimikrobielle Leistungsförderer reagieren als Geflügel.
| Tierart | Effekt auf tägliche Zunahme durch AGP |
|---|---|
| Schwein | +28 g/Tag im Schnitt (bis +38 g/Tag in der Mast) |
| Rind | +30 g/Tag im Schnitt (bis +50 g/Tag bei human-medizinisch bedeutsamen Wirkstoffen) |
| Masthuhn | +1,8 g/Tag im Schnitt |
Bei der Futterverwertung zeigt sich ein ähnliches Bild: Schweine benötigten mit Wachstumsförderern im Schnitt 0,09 Gramm weniger Futter pro Gramm Zuwachs, bei Masthühnern waren es nur 0,05 Gramm. Entsprechend unterschiedlich fällt auch der kurzfristige Produktionsrückgang bei einem Ausstieg aus: Im ungünstigsten Szenario sackt die weltweite Schweineproduktion 2025 kurzfristig um 5,0 Prozent ab, Geflügel um 2,1 Prozent – Rind, Milch und Eier verändern sich dagegen um weniger als 1 Prozent, weil AGP dort ohnehin eine geringere Rolle spielen.
Bei der Resistenzentwicklung dreht sich das Bild allerdings um: Hier trifft es Rind und vor allem Milch am stärksten, weil sich die Effekte über lange Produktionszyklen aufsummieren.
| Produkt | Erwarteter Produktionsrückgang bis 2040 (stärkstes Resistenz-Szenario) |
|---|---|
| Milch | −3,9 % |
| Rindfleisch | −2,7 % |
| Schweinefleisch | −2,4 % |
| Eier | −1,4 % |
| Geflügelfleisch | −1,2 % |
In Summe entspricht das einem weltweiten Produktionsminus von rund 15 Millionen Tonnen bis 2040 – das entspricht etwa 16 Prozent des gesamten Wachstums, das für die Nutztierproduktion zwischen 2025 und 2040 eigentlich erwartet wird.
Wachsender Antibiotikaeinsatz weltweit – mit großen regionalen Unterschieden
Ohne Gegenmaßnahmen rechnet die FAO mit einem Anstieg des globalen Antibiotikaeinsatzes in der Nutztierhaltung von 110.777 Tonnen (2019) auf 143.481 Tonnen im Jahr 2040 – ein Plus von fast 30 Prozent. Getrieben wird das vor allem durch den Raum Asien-Pazifik, der 2040 rund 65 Prozent des weltweiten Verbrauchs auf sich vereinen soll, gefolgt von Südamerika mit etwa 19 Prozent. Afrika hat zwar mit rund 5,7 Prozent den geringsten Anteil, verzeichnet aber mit einem erwarteten Plus von 40,8 Prozent zwischen 2019 und 2040 die höchste Wachstumsrate weltweit.
| Jahr | Globaler Antibiotikaeinsatz Nutztierhaltung |
|---|---|
| 2019 (Basisjahr) | 110.777 t |
| 2030 (Prognose) | 131.411 t |
| 2040 (Prognose) | 143.481 t |
Die FAO betont allerdings, dass diese Entwicklung nicht unumkehrbar ist: Eine Senkung der Einsatzintensität um 50 Prozent – kombiniert mit besserer Tiergesundheit und Produktivität – könnte den weltweiten Verbrauch trotz wachsender Produktion sogar auf rund 62.000 Tonnen drücken.
Österreich: Antibiotikaeinsatz sinkt, aber nicht mehr geradlinig
Für heimische Betriebe liefert die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) jährlich die verlässlichsten Zahlen. Der langjährige Trend zeigt einen deutlichen Rückgang, zuletzt aber mit einer Unterbrechung.
| Jahr | Antibiotika-Gesamtvertriebsmenge Veterinärmedizin Österreich |
|---|---|
| 2022 | 34,26 t |
| 2023 | 32,54 t (niedrigster Wert seit Beginn der Erhebung 2010) |
| 2024 | 34,56 t (Anstieg auf Vorjahresniveau von 2022) |
Nach dem starken Rückgang 2023 konnte dieser Trend 2024 laut AGES nicht fortgesetzt werden – die Menge liegt wieder in etwa auf dem Niveau von 2022. Die Behörde führt das unter anderem auf Schwankungen bei Lageraufbau und -abbau zurück, bedingt durch Unsicherheiten bei der Verfügbarkeit bestimmter Präparate. Bei den besonders kritischen Wirkstoffen – von der WHO als „Highest Priority Critically Important Antimicrobials“ (HPCIA) eingestuft – lag die verkaufte Menge 2024 bei 4,19 Tonnen, nach Schwankungen zwischen 4 und 5,72 Tonnen in den vergangenen fünf Jahren. Rund 79 Prozent der 2023 verkauften Antibiotika wurden oral verabreicht (Pulver, Tabletten, Pasten für Einzeltiere oder Gruppen), rund 15 Prozent parenteral, also gespritzt.
Seit 1. Jänner 2024 gilt in Österreich zudem das neue Tierarzneimittelgesetz (TAMG), das den Antibiotikaeinsatz über ein Benchmarking-System stärker reguliert: Betriebe werden nach Tierkategorie regelmäßig miteinander verglichen, bei auffällig hohem Einsatz greifen behördlich überwachte Maßnahmen. Seit September 2023 steht Tierhalterinnen und Tierhaltern sowie hausapothekenführenden Tierärztinnen und Tierärzten zusätzlich der „Animal Health Data Service“ (AHDS) der AGES zur Verfügung, über den sich individuelle Antibiotikaauswertungen abrufen lassen.
Geflügel: Größter Rückgang bei Puten, stabiles Niveau bei Masthühnern
Für die Geflügelwirtschaft liefert der aktuelle Antibiotika-Report der Qualitätsgeflügelvereinigung Österreich (QGV) detaillierte Zahlen für 2024:
| Kategorie | Antibiotikaverbrauch 2024 |
|---|---|
| Masthühner | 0,90 t (42 % des Geflügel-Gesamtverbrauchs) |
| Truthühner (Puten) | 0,68 t (31 %) |
| Legehennen | 0,33 t (16 %) |
| Elterntiere | 0,13 t |
| Junghennen | 0,09 t |
Besonders deutlich fällt der langfristige Rückgang bei Puten aus: 2013 lag der jährliche Antibiotikaeinsatz noch bei 1,23 Tonnen, 2024 nur mehr bei 0,68 Tonnen. Laut QGV ist eine weitere gewichtsbasierte Senkung mittelfristig allerdings kaum mehr möglich – auch alternative Haltungsformen böten nur noch begrenztes zusätzliches Potenzial. Der Branchenverband geht daher davon aus, dass sich der Antibiotikaverbrauch in der Geflügelhaltung künftig auf dem derzeit erreichten Niveau einpendeln wird, mit saisonalen Schwankungen durch unvorhersehbare Krankheitsausbrüche.
Die EU-Bioverordnung: Warum Bio-Betriebe zuerst zu Kügelchen greifen müssen
Ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht: Für Bio-Betriebe gibt es in der EU bereits seit 2022 eine gesetzliche Vorgabe, die genau in die vom FAO-Bericht geforderte Richtung zielt. Die Verordnung (EU) 2018/848 über die ökologische/biologische Produktion, die seit 1. Jänner 2022 die Vorgängerverordnung (EG) Nr. 834/2007 ersetzt, schreibt vor, dass in Bio-Betrieben phytotherapeutische und homöopathische Präparate chemisch-synthetischen allopathischen Tierarzneimitteln – einschließlich Antibiotika – vorzuziehen sind, sofern deren therapeutische Wirkung bei der betreffenden Tierart und Erkrankung gewährleistet ist. Antibiotika dürfen demnach nur unter strengen Bedingungen und unter tierärztlicher Verantwortung eingesetzt werden, wenn Phytotherapie oder Homöopathie ungeeignet sind.
Trotz vieler positiver Beispiele aus der Praxis, wird diese Regelung immer wieder angegriffen. Die Österreichische Tierärztekammer hat in einem Positionspapier gefordert, integrative Veterinärmedizin als Ergänzung zur Schulmedizin stärker in der akademischen Ausbildung zu verankern, und verweist auf Praxiserfahrungen, wonach komplementärmedizinisch geschulte Tierärztinnen und Tierärzte bei vergleichbarem Behandlungserfolg weniger Antibiotika verschreiben.
Unabhängig von manch fachlicher Debatte zeigt die EU-Vorgabe aber, dass der im FAO-Bericht skizzierte Weg – Antibiotikaeinsatz durch systematische Alternativen zu senken, statt ihn einfach zu verbieten – auf europäischer Ebene bereits regulatorisch verankert ist.
Was die FAO fordert: Wirksamkeit als gemeinsames Gut schützen
Der Bericht schließt mit einer grundsätzlichen Einordnung: Antibiotikawirksamkeit lasse sich nicht an Landesgrenzen festmachen. Reduziert ein Land unnötigen Einsatz, profitieren andere davon; entstehen anderswo Resistenzen, können sie über Handel, Reisen und Umweltwege auch dort wirksame Behandlungen untergraben, wo man selbst vorsichtig war. Die FAO empfiehlt deshalb, Antibiotikawirksamkeit künftig konsequent als globales öffentliches Gut zu behandeln – mit international abgestimmter Governance, wirtschaftlichen Anreizen wie handelbaren Nutzungsobergrenzen oder gezielten Abgaben, verlässlicher Finanzierung und gezielter Unterstützung auf Betriebsebene, etwa durch Zugang zu Impfstoffen, Diagnostik und verbesserter Biosicherheit.
Die wichtigsten Punkte kompakt
- Globaler Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung: Anstieg von 110.777 Tonnen (2019) auf prognostizierte 143.481 Tonnen bis 2040, sofern nichts geschieht.
- Wirtschaftlicher Schaden durch Resistenzen bis 2040: rund 276 Milliarden Euro kumuliert – mehr als das Sechsfache der Kosten eines AGP-Ausstiegs.
- Am stärksten betroffen: Milchproduktion (−3,9 % bis 2040), gefolgt von Rind- und Schweinefleisch.
- Österreich: Antibiotikaeinsatz in der Veterinärmedizin sank 2023 auf ein historisches Tief (32,54 t), stieg 2024 aber wieder auf 34,56 t.
- EU-Bioverordnung 2018/848: Bio-Betriebe müssen seit 2022 phytotherapeutische und homöopathische Mittel vor Antibiotika einsetzen, sofern wirksam.


