Das Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon war Bühne für eine Frage, die die gesamte Lebensmittelbranche beschäftigt: Was verändert KI wirklich in der Produktion – und was bleibt Marketing? Die Antworten auf der 6. International Food Innovation Conference fielen deutlicher aus, als mancher erwartet hätte.
Erst Prozess, dann Algorithmus
Sean Sims, Vice President Automation & Solutions bei Tetra Pak, brachte es auf den Punkt: KI verändert keine Fabrik. Bessere Entscheidungen schon. Wer KI als Wundermittel betrachtet, das instabile Abläufe von selbst heilt, wird enttäuscht. KI verstärke, was bereits vorhanden ist – stabile Prozesse ebenso wie Chaos. Wer Daten ohne Kontext sammle, bekomme kein besseres System, sondern teureres Rauschen.
Sims‘ Rezept für eine KI-fähige Fabrik ist nüchtern und konkret: stabile, kontrollierte Abläufe, verlässliche kontextualisierte Daten, eine Struktur für kontinuierliche Verbesserung. Tetra Pak hat dazu Ende 2025 das Portfolio „Tetra Pak Factory OS™“ auf den Markt gebracht – eine modulare, offene und skalierbare Smart-Factory-Plattform, die fragmentierte Maschinendaten in eine einheitliche Echtzeit-Übersicht überführt. Hochautomatisierte Getränkefabriken, so eine Tetra-Pak-Vergleichsstudie, erreichen 20 % höhere Gesamtanlageneffektivität, 45 % weniger Produktabfall und 20 % weniger Verpackungslinienstopps als weniger automatisierte Betriebe. Den wirtschaftlichen Ausblick, den Sims in der Breakout-Session skizzierte, provozierte Diskussionen im Saal: Prognosen zufolge könnten Robots as a Service künftig Arbeit im Wert von 13 Euro pro Stunde übernehmen.
Digitalisierung scheitert nicht an der Technik
Mar Serra, Global Product Technical Applications & Digitalization Lead bei Nestlé, lieferte den ehrlichsten Vortrag des Tages – und einen, der über die Fleischwirtschaft weit hinausweist. In Nestlés F&E-Abteilung war Excel jahrelang das Herzstück der Rezepturoptimierung. In den Makros steckten implizite Informationen über Mineralstoffverhältnisse, Compliance-Anforderungen und jahrelange Annahmen. Der Wechsel zu einem KI-gestützten System gelang nur durch frühe Einbindung von Anwendern aus verschiedenen Abteilungen – und durch Use-Cases, die den Nutzen konkret zeigten. Serras Kernbotschaft: Kompetenzen zu kaufen ist keine Digitalstrategie. Die Reise zu gestalten, schon. Und: „Fertig“ gibt es bei digitalen Produkten nicht.
Was Nestlé im F&E-Bereich erlebt hat, kennen viele Lebensmittelbetriebe aus der Produktion: Systeme werden eingeführt, aber nicht angenommen. Der Widerstand sitzt selten in der Technologie, fast immer in den Menschen, die sie bedienen sollen.
KI findet Aromen, die kein Mensch suchen würde
Fabio Campanile, Head of Science & Technology beim Schweizer Aromenriesen Givaudan, skizzierte eine Zukunftsvision, die noch vor wenigen Jahren nach Science Fiction geklungen hätte: KI-gestützte Aromenentwicklung von der Rohstoffidentifikation bis zum fertigen Konsumprodukt. Givaudans KI-Tool ATOM (Advanced Tools for Modelling) etwa ermöglichte die Entwicklung einer Käse-Snack-Rezeptur mit 33 % weniger Salz – bei unverändertem Geschmack, aus einem erheblich kleineren Optionenraum als bei klassischen Trial-and-Error-Methoden. KI hilft darüber hinaus dabei, Alternativen zu Kakao zu finden, Zucker ohne Geschmacksverlust zu reduzieren oder neue chemische Prozesse für Aromen zu entdecken.
Für die Marketingseite hat Givaudan das GenAI-Tool Ooby™ entwickelt. Die Plattform – kurz für „Out of the Box“, ausgesprochen wie „U-be“ – generiert kategorienspezifische, trendbasierte Konzepte in Sekunden. Mehr als 300 Projekte wurden damit weltweit bereits umgesetzt, über 70 % der Givaudan-Marketers nutzen Ooby™ täglich. Campaniles persönliche Zukunftsvision formulierte er mit Idealismus: Seine Fabriken sollen eines Tages nur Wasser, CO₂ aus der Luft und Solarpaneele benötigen – und daraus alles produzieren, was sie brauchen.
Was bleibt, wenn die KI übernimmt
Die Paneldiskussion brachte Konsens in eine Frage, die viele beschäftigt: Kann KI erfahrene Entscheidungsträger ersetzen? Nein, lautete die einhellige Antwort. Aber wer als Führungskraft nicht versteht, wie KI am besten einsetzbar ist, hängt bald hinterher. KI-Tools zu kaufen und dem Team zu geben reiche nicht – das sei der Punkt, an dem viele Betriebe aufhören, obwohl die eigentliche Arbeit erst beginnt.
Sara Roversi, Gründerin des Future Food Institute, hatte den Eröffnungsvortrag genutzt, um den technologischen Diskurs zu rahmen: Die Art, wie Lebensmittel produziert, verarbeitet, verteilt und konsumiert werden, ist weder für Menschen noch für den Planeten nachhaltig – neue Modelle, Denkweisen und Ansätze seien nötig. KI könne diesen Wandel beschleunigen – aber nur, wenn Werte die Richtung vorgeben und nicht der Algorithmus. Ein Satz, der an diesem Tag mehrfach widerhallte.



