360 Millionen Tonnen Fleisch, 930 Millionen Tonnen Milch, 94 Millionen Tonnen Eier – das ist die Bilanz des globalen Tierhaltungssektors für das Jahr 2022. Die FAO hat diese Zahlen in einem neuen Grundlagenbericht verarbeitet, der die Entwicklung seit 1961 systematisch aufarbeitet und bis 2033 projiziert. Drei Produkte stehen dabei im Mittelpunkt: Geflügelfleisch, Eier und Schweinefleisch.
Vierfaches Wachstum – aber nicht überall
Das globale Fleischangebot hat sich seit 1961 vervierfacht, der Pro-Kopf-Konsum stieg von 25 auf 47 Kilogramm jährlich – ein Plus von 94 Prozent. Dieser Zuwachs ist allerdings ungleich verteilt, sowohl zwischen Regionen als auch zwischen den Tierkategorien.
Am stärksten zulegen konnte Geflügelfleisch: Das weltweite Angebot stieg um das Fünffache. Eier und Schweinefleisch verdoppelten sich in etwa. Rindfleisch dagegen stagnierte global – in vielen Regionen ist das Pro-Kopf-Angebot sogar gesunken. Innereien (Offal) verzeichneten ebenfalls einen Rückgang. Der Tierhaltungssektor insgesamt gilt der FAO heute als einer der am schnellsten wachsenden Teilbereiche der Landwirtschaft.
Asien ist mit Abstand der größte Produzent: 2022 kamen mehr als 155 Millionen Tonnen Fleisch und über 417 Millionen Tonnen Milch aus der Region. Europa folgt mit 64 Millionen Tonnen Fleisch und 232 Millionen Tonnen Milch auf Platz zwei. Beim Ei ist Asiens Dominanz noch ausgeprägter – die Region produziert 61 von 94 Millionen Tonnen weltweit, also fast zwei Drittel. China allein stellt 28 Prozent des globalen Fleischangebots.
Produktion und Pro-Kopf-Versorgung klaffen jedoch stark auseinander. Nordamerika verzeichnet die höchste Pro-Kopf-Verfügbarkeit tierischer Produkte, während Asien trotz seiner Produktionsmengen die zweitniedrigste aufweist. Sub-Sahara-Afrika stagniert seit Jahrzehnten – mit Ausnahme von Milch in Kenia und Geflügelfleisch in Südafrika.
Geflügel als Systemgewinner
Warum wächst Geflügel so stark? Die FAO nennt günstige Fleisch-Futter-Preisverhältnisse und eine höhere Profitabilität gegenüber anderen Fleischarten. Diese Faktoren machen Geflügel zum bevorzugten Wachstumsträger – sowohl in einkommensschwachen Ländern (wo Erschwinglichkeit entscheidet) als auch in wohlhabenden Märkten (wo Leaner Protein und Nachhaltigkeitsüberlegungen eine Rolle spielen). Der OECD-FAO Agricultural Outlook erwartet, dass Geflügel etwa die Hälfte des gesamten Wachstums in der Fleischproduktion bis 2033 ausmachen wird.
Schweinefleisch erholt sich nach dem massiven Einbruch durch die Afrikanische Schweinepest in Ostasien langsam. Die FAO geht davon aus, dass die Produktion in den nächsten Jahren wieder auf den Vorkrisen-Wachstumspfad zurückfindet. Rind- und Schaffleisch werden global nur moderat zulegen.
14 Prozent verloren – Kühlkette als Schwachstelle
Rund 14 Prozent aller tierischen Lebensmittel gehen laut Studie verloren oder werden verschwendet. Der Haupttreiber: Verderblichkeit kombiniert mit unzureichender Kühlketteninfrastruktur. Besonders in einkommensschwachen Ländern führt fehlende Temperaturkontrolle zu erheblichen Verlusten entlang der gesamten Wertschöpfungskette. In der EU werden im Fleischsektor 23 Prozent der Produktion als verloren oder verschwendet eingestuft – davon entfallen 64 Prozent auf die Verbraucherstufe, 20 Prozent auf die Verarbeitung.
Zusätzliche Verluste entstehen durch Fehlinterpretationen von Mindesthaltbarkeitsdaten. Verbraucher entsorgen Produkte häufig früher als nötig – ein Potenzial für gezielte Aufklärungsmaßnahmen, das die FAO ausdrücklich hervorhebt.
Internationaler Handel: wichtiger – aber begrenzt
Der internationale Handel mit tierischen Lebensmitteln hat sich in sechs Jahrzehnten massiv ausgeweitet: Geflügelfleischexporte stiegen in Volumen um das 63-Fache, Schweinefleisch um das 17-Fache, Rindfleisch um das Neunfache. Trotzdem bleibt Handel ein vergleichsweise kleines Segment: Lediglich 15 Prozent der tierischen Lebensmittel werden international gehandelt, der Rest wird lokal produziert und konsumiert.
Zehn Exportländer kontrollieren 80 Prozent der weltweiten Tierproduktausfuhren. Die EU steht dabei mit einem Anteil von 22 Prozent an der Spitze – als Nettoverstärker bei Milchprodukten und Schweinefleisch, bei Rind- und Geflügelfleisch dagegen als Nettoimporteur. Österreichische Exporteure agieren also in einem globalen Gefüge, das stark von wenigen Akteuren geprägt wird.
Nicht unerwähnt lässt die FAO die Kehrseite dieses Handels: EU-Exporte günstiger Geflügelteile nach Westafrika verdrängen dort die lokale Produktion, weil heimische Anbieter preislich nicht mithalten können. Was aus Sicht europäischer Exporteure ein Markterfolg ist, schwächt anderswo die regionale Eigenversorgung.
Preisanstieg trifft vulnerable Länder am härtesten
2022 erreichten die FAO-Lebensmittelpreisindizes ihren höchsten Stand seit 1990. Fleisch, Milch, Getreide – alle Hauptkategorien kosteten so viel wie nie zuvor. In den Jahren danach gingen die Preise zurück, Milch ausgenommen: Hier zog der Index 2024 erneut an. Für rund 2,8 Milliarden Menschen war bereits 2022 eine günstige, gesunde Ernährung finanziell nicht erreichbar.
Die FAO macht deutlich, dass der Zusammenhang zwischen Einkommen und Tierproduktkonsum zwar stark ist – aber nicht linear. In Hocheinkommensländern flacht er ab; Verbraucher weichen bei Preisdruck auf günstigere Fleischsorten und Teilstücke aus oder reduzieren den Außer-Haus-Konsum. In Mitteleinkommensländern hingegen steigt der Konsum tierischer Proteine noch deutlich, insbesondere in Asien und Lateinamerika.
Ausblick bis 2033: Milch wächst am stärksten
Die überraschendste Prognose des Berichts betrifft die Milchwirtschaft: Sie soll in den nächsten zehn Jahren den stärksten Wachstumspfad aller tierischen Produktgruppen einschlagen – global plus 17 Prozent. Indien und Pakistan werden laut FAO mehr als die Hälfte dieses Zuwachses generieren und bis 2032 rund 30 Prozent der globalen Milchproduktion stellen. In Sub-Sahara-Afrika wird ein Plus von 33 Prozent erwartet. In der EU hingegen ist mit einem leichten Rückgang zu rechnen – Folge strengerer Umweltauflagen, der Umstellung auf extensive Systeme und des wachsenden Anteils ökologischer Bewirtschaftung.
Beim Fleisch wird Geflügel weiter zulegen, Schweinefleisch erholt sich, Rind bleibt hinter dem Gesamtwachstum zurück. Konsumtrends in Europa und Nordamerika – weg von Rind, hin zu Geflügel und Fisch – werden laut FAO langsam, aber kontinuierlich zunehmen. Ein abrupter Wandel ist in den nächsten zehn Jahren nicht zu erwarten.
In der EU wirkt sich außerdem die Afrikanische Schweinepest dämpfend aus. Schärfere Tierschutzregulierungen in einzelnen Mitgliedsstaaten sowie höhere Produktionskosten bremsen das Wachstum zusätzlich. Österreichische Betriebe stehen damit vor denselben strukturellen Fragen wie die europäische Fleischwirtschaft insgesamt: Wie lässt sich Effizienz steigern, ohne Qualitäts- und Tierschutzstandards zu opfern?
Was der Bericht nicht löst
Die FAO benennt offen, was ihr Bericht nicht leisten kann: Verlässliche Konsumzahlen auf Produktebene fehlen für die meisten Regionen. Food-Loss-Daten sind lückenhaft, besonders für tierische Produkte. Die FAO-Lebensmittelbilanzen, auf denen große Teile der Analyse beruhen, stehen selbst in der Kritik. Und Alternativen zu tierischen Proteinen – Cultivated Meat, pflanzliche Substitute – wurden im vorliegenden Bericht bewusst ausgeklammert; dazu erarbeitet die FAO separate Positionspapiere.
Der Bericht „Drivers of supply and demand of terrestrial animal source food“ ist Teil einer dreiteiligen FAO-Bewertung zur Rolle des Nutztiersektors für Ernährungssicherheit und nachhaltige Agrifood-Systeme. Der Volltext ist unter doi.org/10.4060/cd9125en frei zugänglich.



