Halbwissen mit Aromen
Noch nie wurde so viel über Fleisch gesprochen wie heute. Grillvideos, Temperaturtabellen und „5 Fehler beim Steak“-Beiträge erreichen millionenfach die sozialen Medien. Jeder erklärt Dry Aging, Wagyu oder die perfekte Kruste. Daran ist nichts falsch. Problematisch wird es dort, wo vereinfachte Inhalte plötzlich als Fachwissen gelten. Halbwissen wird wiederholt und irgendwann zur Wahrheit erklärt.
Besonders auffällig wird das bei Schaubildern oder Grafiken, die teilweise von einer KI generiert und veröffentlicht werden. Das Problem ist, dass professionelle Optik heute oft mit fachlicher Richtigkeit verwechselt wird. Ein gut gestaltetes Diagramm ersetzt in der Wahrnehmung vieler bereits die Erfahrung. Ein gut geschnittenes Reel wirkt glaubwürdiger als praktisches Wissen aus dem Handwerk. Gleichzeitig werden komplexe Zusammenhänge immer weiter vereinfacht, bis sie fachlich kaum noch belastbar sind.
Im Alltag unserer Betriebe sieht die Realität deutlich komplexer aus. Wenn ich ein Stück Fleisch vor mir habe, sehe ich dort keine Social-Media-Grafik und auch kein Meme. Ich sehe Struktur, Fettabdeckung, Reifung, Schnittführung und die handwerkliche Leistung entlang der Wertschöpfungskette. Genau diese Tiefe lässt sich nicht seriös in 20 Sekunden erklären.
Vielleicht liegt genau darin eines der größten Probleme unserer Branche. Nicht fehlende Informationen, sondern die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der ungeprüftes Halbwissen verbreitet wird. Reichweite erzeugt Sichtbarkeit. Fachlichkeit erzeugt Qualität. Verwechselt man beides, wird es problematisch.
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