Landwirtschaft & Umwelt

„Die Anwendung integrativer Methoden im Kuhstall ist nahezu frei von Nebenwirkungen!”

Der Veterinärmediziner und „Rinder-Experte“ Dr. Harald Pothmann berichtet im Interview über eine erfolgreiche Pilotstudie, die großes Antibiotika-Einsparungspotenzial zeigt.

Ganzheitliches ist gefragt!“ eröffnete Mag. Kurt Frühwirth, Tierarzt und Präsident der Österreichischen Tierärztekammer (ÖTK) den „Tag der Integrativen Methoden“, der sich dieses Jahr den Möglichkeiten der integrativmedizinischen Methoden zu Prophylaxe und Therapie in der Nutztierpraxis widmete. Das Interesse war groß und so fanden sich mehr als 160 Interessierte ein, um den hochkarätigen Vortragenden zu lauschen.

Einer der Vortragenden war Dr. Harald Pothmann, der seine erfolgreiche Pilotstudie vorstellte, die eindeutig positive Effekte der Ohrakupunktur auf die Eutergesundheit der Kühe zeigt.

Fleisch & Co bat den renommierten Wissenschaftler zum Kurz-Interview.

Was spricht für die Integrative Medizin in der Nutztierpraxis?

Dr. Harald Pothmann: „Die intensive Anwendung von Medikamenten bei Nutztieren, insbesondere von Antibiotika, ist in den letzten Jahren massiv in den Mittelpunkt der öffentlichen Kritik gerückt. Die zunehmende Resistenzbildung von Erregern gegenüber Antibiotika macht Ärzt:innen wie Tierärzt:innen gleichermaßen und auch der breiten Öffentlichkeit große Sorgen. Dementsprechend ist es wichtig, nach Möglichkeiten zu suchen, wodurch Antibiotikaeinsatz sinnvoll vermieden werden kann. Die Anwendung von integrativen Methoden im Kuhstall, wie z.B. Akupunktur oder Neuraltherapie, ist nahezu frei von Nebenwirkungen, beeinträchtigt weder die Fleisch- noch die Milchqualität und erzeugt natürlich keine Resistenzen.“

Was hat der Produzent von einem ganzheitlichen Management?

Dr. Harald Pothmann: „Ein ganzheitliches Management ist sozusagen der Olymp der Herangehensweise. Die Arbeitsweise nach der EU-Bioverordnung beispielsweise eröffnet den Landwirt:innen einen neuen Markt. Ganzheitliches Denken im Kuhstall bedeutet Optimierung der Tiergesundheit durch gesundes Futter, optimales Stallklima und beste Haltungsformen. Gleichzeitig hebt es auch das Wohlbefinden der Landwirt:innen.“

Gerade die Eutergesundheit ist ein großes Thema bei Milchkühen. Wie kann hier der integrative Ansatz helfen?

Dr. Harald Pothmann: „Die Ansätze stecken derzeit noch in den Kinderschuhen. Ziel ist es z. B. den pro- phylaktischen Einsatz der Antibiotika beim Trockenstellen zu reduzieren. Aktuelle Studienergebnisse zeigen die erfolgreiche Anwendung von Aurikulotherapie bei Kühen mit subklinischen Mastitiden. Diese latente Erkrankung ist bisher konventionell medizinisch nicht therapierbar. Man muss die Selbstheilungskräfte der Kühe unterstützen, oder wenn nötig, unter Umständen auch Antibiotika einsetzen, also integrativmedizinisch vorgehen.“

Sie setzen bei Kühen auch auf die Aurikulotherapie – bitte erklären Sie uns, wie diese Ohrakupunktur hilft.

Dr. Harald Pothmann: „Diese Methode ist nicht neu. Schon in den 1950er-Jahren gab es Publikationen zur Ohrakupunktur beim Menschen. Die Wirkungsweise beruht auf der Stimulation von Nerven, wodurch ein entzündungshemmender Effekt auf erkrankte Organe erreicht wird. Wir haben aktuell, wie bereits erwähnt, eine Studie über Aurikulotherapie bei Kühen mit subklinischer Mastitis durchgeführt, die einen signifikanten Effekt auf die Reduktion der Zellzahlen in der Milch gezeigt hat.

Wir können diese Methode als durchaus erfolgreich ansehen. Allerdings kann mit dieser Pilotstudie noch nicht nachgewiesen werden, ob es auch definitiv ein Antibiotikaeinsparungspotenzial gibt – hier braucht es Folgestudien, um dies zu verifizieren.“

Was war Ihr „schönstes Erlebnis“ mit der Akupunktur?

Dr. Harald Pothmann: „Meine Praxisjahre sind zwar schon ein paar Jährchen her, aber ich kann mich noch genau an einige erfolgreiche Therapien erinnern, die vor allem den Landwirt:innen im Gedächtnis geblieben sind. Zum Beispiel verweigerte eine Kuh mehrere Tage das Fut- ter, trotz aller konventionell-medizinischen Behandlungen. Erst durch eine Akupunktur-Behandlung konnte ich das Problem lösen. Oftmals haben mich danach die Landwirt:innen nach den ,Nadeln‘ gefragt.“

 

vetmeduni.ac.at

Dr. Harald Pothmann

vetmeduni vienna, Universitätsklinik für Wiederkäuer: VetFarm Kremesberg; Forschung und Lehre in der Abteilung Bestandsbetreuung für Wiederkäuer, Department für Nutztiere und öffentliches Gesundheitswesen
in der Veterinärmedizin
Ehemaliger Vorsitzender der Sektion Ganzheitsmedizin (2006–2013) und ehemaliger Präsident der ÖGT
Infos & Kontakt: www.vetmeduni.ac.at/de/vetfarm/

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