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Landwirtschaft & Umwelt

Artenschutz am Bauernhof: Erfolg mit Erhaltungszuchtprogramm

Der Bestand seltener Nutztierrassen hat sich in Österreich seit Ende der 90ger fast vervierfacht.

So geht Artenschutz für Nutztiere

„Nicht nur Wildtiere sind vom Aussterben bedroht. Auch einige Nutztierrassen sind in Österreich gefährdet, von der Bildfläche zu verschwinden. Durch das Engagement unserer Bäuerinnen und Bauern sowie entsprechende Erhaltungszuchtprogramme und Prämien im Rahmen des Österreichischen Agrarumweltprogramms (ÖPUL) gelingt es jedoch, den Tierbestand seltener Nutztierrassen seit einigen Jahren wieder kontinuierlich zu steigern. Somit leisten unsere bäuerlichen Familienbetriebe einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt der Vielfalt – auch in der Landwirtschaft, der so genannten Agrobiodiversität“, erklärt Josef Moosbrugger, Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich, der gleichzeitig auch die Bedeutung spezieller Absatzmöglichkeiten unterstreicht.

Große Erfolge in der Erhaltungszucht seit EU-Beitritt

Österreichweit halten rund 4.400 Betriebe (Jahr 2021) 27 seltene Nutztierrassen, die im ÖPUL gemäß österreichischem GAP-Strategieplan gefördert werden. Diese gefährdeten Rassen teilen sich in neun Rinder-, acht Schaf-, sieben Ziegen-, zwei Schweine und eine Pferderasse auf. Innerhalb der vergangenen 25 Jahre hat sich der Gesamtbestand dieser seltenen Nutztierrassen von etwa 14.700 Tieren im Jahr 1997 auf rund 55.200 Tiere im Jahr 2022 erhöht und somit fast vervierfacht. Ebenso ist die Zahl der Betriebe, die seltene Nutztiere halten, seit dem Jahr 2000 um rund 1.000 auf fast 4.400 gestiegen.

Haltungsprämien bei Gelbvieh zeigen Wirkung

Große Erfolge verzeichneten die Betriebe vor allem im Rinderbereich bei Gelbvieh. Zählten in den 1950er Jahren noch 25% aller Rinder zu den Rassen Murbodner, Kärntner und Waldviertler Blondvieh, verschwanden diese bis in die 90er Jahre soweit, dass ihre Bestandszahlen aufgrund des geringen Prozentsatzes nicht mehr erhoben wurden. Seit Einführung von Haltungsprämien und entsprechenden Qualitätsfleischprogrammen sind die Zahlen wieder deutlich angestiegen. Bei Murbodner Rindern etwa gab es einen besonders hohen Anstieg. Waren es vor 25 Jahre nur noch rund 300 Tiere, leben heute wieder über 7.000 in Österreich. Einen großen Einfluss auf die Steigerung hatten spezielle Markenfleischprogramme. Dafür sind Jungochsen sehr begehrt, da sie zartes Fleisch mit feiner Faserung und ansprechender Marmorierung liefern. Noch dazu sind Murbodner sehr robust, wodurch sie sich gut für die Alm- und Weidehaltung eignen. Ebenso konnte durch die Zusammenarbeit mit einem LEH-Unternehmen die Zahl der Tiere erhöht werden. Daher nehmen Murbodner, die Mitte des 20. Jahrhunderts die bedeutendste Rinderrasse der Steiermark waren und dann zurückgingen, in der Mutterkuhhaltung heute wieder einen wichtigen Stellenwert ein.

Rassen bestimmen auch das Landschaftsbild: so zum Beispiel in Kärnten das Brillenschaf. © Lisa Hinteregger

ÖPUL-Prämie als Ausgleich für geringere Produktivität

Da die Erhaltungszucht viel Arbeit und Sorgfalt bedeutet, ist die seit dem EU-Beitritt gewährte Unterstützung im Rahmen des ÖPUL ein Schlüsselfaktor für den Anstieg der Tierzahlen. Durch die Prämien, die pro Tier ausbezahlt werden, soll insbesondere die geringere Produktivität erhaltungswürdiger Nutztierrassen und die damit verbundenen Einkommensverluste gegenüber anderen Rassen ausgeglichen werden. Der Umfang der österreichweit geleisteten Abgeltung hat sich seit ihrer Einführung bis heute vervielfacht. Im aktuellen ÖPUL-Programm 2023 wurden die Prämien bei Kühen und Stuten wiederum leicht erhöht. Insgesamt fließen in Österreich rund 5,7 Mio. Euro Mittel der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) in den Erhalt seltener Nutztierrassen. Für die Höhe der Abgeltung werden die Rassen in Prämienstufe A oder B eingeteilt. Besonders gefährdete Rassen fallen in Prämienstufe B und betreffen 18 der 27 Rassen. Außerdem gibt es für männliche Tiere eine doppelt so hohe Prämie wie für weibliche. So erhalten beispielsweise Rinderhaltungsbetriebe pro Zuchtstier 620,- Euro und für Kühe 310,- Euro in Prämienstufe B. Für Kühe, die unter Leistungskontrolle stehen, gibt es zudem einen Zuschlag von 80,- Euro pro Tier und Jahr.

Kulturgut und genetische Ressource – Markt zusätzlich wichtig

„Wie wichtig der Erhalt seltener Nutztierrassen ist, zeigt sich auch auf emotionaler Ebene. In vielen Regionen bestimmen manche Rassen das Landschaftsbild und prägen die Regionen, wie das Pinzgauerrind Salzburg, das Original Braunvieh Vorarlberg und das Kärntner Brillenschaf dieses Bundesland. Diese Rassen zu erhalten, bedeutet somit den Charakter der Regionen und ein Stück Kulturgut zu bewahren. Außerdem stellt eine breite Rassenvielfalt eine wichtige genetische Ressource für die Zukunft dar. Bedrohte Rassen müssen der gesamten Gesellschaft daher etwas wert sein und ihr Erhalt weiter unterstützt werden“, betont Moosbrugger.

„Bedrohte Rassen müssen der gesamten Gesellschaft daher etwas wert sein und ihr Erhalt weiter unterstützt werden“, betont Moosbrugger. © APA / OTS

„Finanzieller Ausgleich und persönliche Begeisterung und Herzblut allein sind aber oft zu wenig. So wie generell in der Landwirtschaft notwendig, gilt es ganz besonders für diese spezialisierten Bereiche, einen entsprechenden Markt für die Produkte zu entwickeln. Auch sind Partner zu finden, die diesen regionalen Mehrwert und die speziellen Qualitätseigenschaften zu schätzen und vermarkten wissen. Mit solchen Rassen kommt ein Stück Kulturgut in die Regionen zurück oder kann erhalten werden“, hebt der LKÖ-Präsident hervor.

Das Österreichisches Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung (ÖKL) hat 2023 gemeinsam mit der ARCHE Austria und der ÖNGENE das „Seltene Nutztierrassen – Handbuch der Vielfalt“ in der 5. Auflage neu herausgegeben. Auch viel LKÖ-Experten-Knowhow ist in die Entwicklung eingeflossen. Rassensteckbriefe stellen das Herzstück der nunmehr 112-seitigen Broschüre dar, in der die seltenen Nutztierrassen mit Beschreibung, Bildern, geschichtlichem Hintergrund, Anforderungen und Eigenschaften charakterisiert werden. Ein kostenloser Download ist möglich unter: https://oekl.at/publikationen/lts/lts231/.

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