4,39 Euro kostet die 150-Gramm-Packung Radatz Original Wiener Beinschinken bei Billa in Österreich – 2,93 Euro pro 100 Gramm. Im kroatischen Kaufland liegt dasselbe Produkt, dort als „Radatz Kuhana šunka dimljeno“ ausgezeichnet, bei 1,99 Euro für die gleiche Packungsgröße, reduziert von 2,59 Euro. Macht 1,33 Euro pro 100 Gramm – weniger als die Hälfte des österreichischen Preises. Ein entsprechender Fund kursiert seit einigen Tagen im Reddit-Forum r/austria und hat dort eine rege Diskussion ausgelöst.

Zwei Regale, ein Produkt, große Differenz

Selbst zum unreduzierten kroatischen Preis von 2,59 Euro bleibt der Unterschied deutlich: Das entspricht 1,73 Euro pro 100 Gramm – Österreich ist damit rund 70 Prozent teurer. Nutzer im Reddit-Thread berichten zudem, dass der reguläre Kaufland-Preis in Kroatien bei rund 2,50 Euro liege und die Ware dort häufig um bis zur Hälfte reduziert werde. Ob es sich um identische Chargen, unterschiedliche Rezepturen für den Export oder reine Aktionsware handelt, lässt sich anhand der Fotos nicht klären – die Verpackungsgestaltung und die Produktbezeichnung „nach unserem Wiener Rezept“ sprechen aber für dasselbe Produkt.

Kein Einzelfall, sondern bekanntes Muster

Der Fund reiht sich in eine Debatte ein, die die Arbeiterkammer seit Jahren mit Zahlen unterlegt. Im Mai 2026 verglich die AK 69 Markenprodukte in den Webshops von Billa und Interspar mit jenen von Rewe und Globus in Deutschland: Identische Ware war hierzulande im Schnitt um 26 Prozent teurer, bei einzelnen Artikeln – etwa Kaffeepads oder Chips – lag der Aufschlag bei über 80 Prozent. Die Bundeswettbewerbsbehörde hatte die Existenz eines „Österreich-Aufschlags“ bereits 2023 in ihrer Lebensmittelstudie bestätigt und führt ihn unter anderem auf territoriale Lieferbeschränkungen zurück, gegen die die AK im Februar 2026 erneut bei der EU-Kommission vorstellig wurde. Neu am Radatz-Fall ist der Vergleichspunkt: Es geht nicht um Deutschland, sondern um ein Land mit spürbar niedrigerem Lohn- und Preisniveau – und um ein österreichisches Traditionsprodukt, das dort günstiger im Regal liegt als am Produktionsstandort selbst.

Die Mehrwertsteuer erklärt den Unterschied nicht

Ein steuerlicher Vorteil Kroatiens lässt sich als Erklärung ausschließen. Der kroatische Normalsteuersatz liegt bei 25 Prozent und damit über dem österreichischen von 20 Prozent; verarbeitete Fleischwaren wie Schinken dürften dort eher in die mit 13 Prozent ermäßigte Kategorie fallen, während in Österreich für Wurst- und Schinkenprodukte der ermäßigte Satz von 10 Prozent gilt. Die seit 1. Juli 2026 geltende Senkung auf 4,9 Prozent betrifft in Österreich nur ausgewählte Grundnahrungsmittel wie Brot, Milch, Butter und Eier – Beinschinken zählt nicht dazu. Der Preisunterschied entsteht damit nicht am Steuersatz, sondern irgendwo zwischen Werksabgabepreis, Handelsspanne und Aktionspolitik des jeweiligen Händlers.

Was das für Radatz und die Branche bedeutet

Radatz zählt mit rund 900 Mitarbeitern, etwa 183 Millionen Euro Jahresumsatz und der Marktführerschaft in der Warengruppe Wurst & Schinken laut Best2Trust-Studie 2023 zu den größten Fleischverarbeitern Österreichs. Ein einzelner Preisvergleich aus einem Kaufland-Regal an der kroatischen Küste ist kein Beleg für eine systematische Preisstrategie – dafür müsste man mehrere Filialen, Zeitpunkte und Produkte vergleichen. Er zeigt aber, wie schnell ein Auslandsfund einer bekannten Marke online für Aufsehen sorgt und die Diskussion um Handelsspannen neu befeuert, gerade wenn Kunden mit einem heimischen Traditionsprodukt konfrontiert sind, das im Urlaub günstiger zu haben ist als daheim. Für Hersteller wie Radatz und den heimischen Handel bleibt die Frage, wer den Unterschied zwischen Werksabgabepreis und Regalpreis tatsächlich verantwortet, ein Reizthema – nicht zuletzt, weil sich Handelsverband und Markenartikler in der öffentlichen Debatte gegenseitig die Verantwortung zuschieben.