Geflügelfleisch ist das wachstumsstärkste Fleischsegment weltweit – und Österreich will seinen Anteil an dieser Entwicklung deutlich ausbauen. Drei aktuelle Datenquellen zeichnen ein klares Bild: Die Nachfrage steigt, die heimische Produktion zieht nach, doch der Eigenversorgungsgrad bleibt ausbaufähig. Was die Branche jetzt braucht – und wo die größten Hemmnisse liegen.
150 neue Mastbetriebe bis 2035: Österreich will Eigenversorgung ausbauen
Der Eigenversorgungsgrad bei Geflügelfleisch liegt in Österreich derzeit bei 74 Prozent, bei Hühnerfleisch bei 81 Prozent. Für die Landwirtschaftskammer Oberösterreich ist das zu wenig. „Geflügel bleibt klar das wachstumsstärkste Fleischsegment“, erklärte LK-OÖ-Präsident Franz Waldenberger bei einer Pressekonferenz am 18. Juni 2026 in Linz. Ziel sei ein langfristiger Selbstversorgungsgrad von über 90 Prozent. Um das zu erreichen, sollen österreichweit rund 150 neue Mastbetriebe entstehen – ein Drittel davon in der biologischen Produktion.
Konkret werden in der Biohühnermast 50 bis 60 neue Betriebe gesucht, in der konventionellen Mast rund 100. Zusätzlich sind 10 bis 15 Elterntierbetriebe für die Bruteierproduktion nötig. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Geflügelfleisch liegt in Österreich bei 13,8 Kilogramm jährlich, davon entfallen 10,84 Kilogramm auf Hühnerfleisch. 86 Prozent der heimischen Geflügelproduktion entfallen auf die Hühnermast, der Rest verteilt sich auf Truthahn, Enten und Gänse.
Rückenwind kommt von globalen Prognosen: Bis 2035 wird weltweit ein Anstieg des Geflügelfleischverbrauchs um rund 22 Prozent erwartet, bei Eiern um etwa 20 Prozent. Innerhalb der EU soll der Geflügelfleischkonsum bis 2030 um zwei Prozent zulegen – während Schweine- und Rindfleisch tendenziell rückläufig sind.
Bürokratie bremst den Ausbau
Dem Wachstumswillen stehen handfeste Hemmnisse gegenüber. Überlange Genehmigungsverfahren, steigende Dokumentationspflichten und komplexe Umwelt- und Raumordnungsvorschriften belasten viele Betriebe. Besonders kritisch: Die EU-Industrieemissionsrichtlinie (IED) wird künftig unabhängig von der Betriebsgröße auf alle Geflügelhaltungen angewendet – obwohl die österreichische Geflügelproduktion kleinstrukturiert und überwiegend in bäuerlichen Familienbetrieben organisiert ist.
„Aus Sicht der Branche stehen diese Vorgaben in keinem Verhältnis zur kleinstrukturierten Landwirtschaft“, kritisierte Markus Lukas, Obmann der Geflügelwirtschaft Österreich, bei der Pressekonferenz. Die Branche fordert eine Anhebung der Schwellenwerte sowie Ausnahmen für Tierwohl- und Biobetriebe. Zugleich verlangt sie, dass Importprodukte aus Nicht-EU-Staaten gleichwertige Tierwohl-, Umwelt- und Naturschutzstandards erfüllen müssen – ein Punkt, der auch für die fleischverarbeitende Industrie unmittelbar relevant ist.
Exporte legen zu – Handelsbilanz bleibt negativ
Österreich hat seine Geflügelexporte im ersten Quartal 2026 deutlich gesteigert. Laut AMA und Statistik Austria erreichten die Ausfuhren von Geflügelfleisch und Schlachtnebenerzeugnissen von Jänner bis März 2026 insgesamt 22.629 Tonnen – ein Plus von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Wertmäßig legten die Exporterlöse sogar um knapp 12 Prozent zu.
Wichtigster Abnehmer bleibt Deutschland mit einem Anteil von 65 Prozent. Slowenien und Rumänien nehmen jeweils 8 Prozent ab, weitere 17 Prozent entfallen auf andere EU-Mitgliedstaaten. In Länder außerhalb der EU gehen lediglich rund 2 Prozent der Ausfuhren.
Die Importseite entwickelt sich gegenläufig: Die Einfuhren sanken im ersten Quartal 2026 um 2 Prozent auf 35.468 Tonnen. Die größten Lieferanten sind Deutschland (30 %), Ungarn (knapp 25 %) und Polen (16 %). Österreich bleibt damit Nettoimporteur – was den politischen Druck auf einen höheren Eigenversorgungsgrad unterstreicht.
Heimische Schlachtzahlen im Plus – April leicht rückläufig
Die österreichische Masthühnerproduktion zeigt für die ersten vier Monate 2026 eine positive Bilanz. Laut Statistik Austria summierten sich die Hühnerschlachtungen von Jänner bis April auf 36,39 Millionen Tiere – ein Zuwachs von 4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Stärkster Monat war der März mit 9,59 Millionen Schlachtungen und einem Jahresvergleichsplus von 12 Prozent.
Im April allein wurden 9,46 Millionen Hühner geschlachtet, das Schlachtgewicht erreichte 14,6 Millionen Kilogramm. Gegenüber April 2025 bedeutet das ein leichtes Minus von 0,7 Prozent – ein kurzfristiger Ausreißer innerhalb eines ansonsten aufwärtsgerichteten Trends. Die Ware fließt im Lebensmittelhandel laut AMA weiterhin zügig ab.
EU und Welt: Produktion auf Expansionskurs
Auch im europäischen und globalen Kontext dominiert Wachstum. Die Geflügelproduktion der EU-27 legte im ersten Quartal 2026 um 5,7 Prozent zu. Besonders stark wuchsen Polen (+16 %), Spanien (+7 %) sowie kleinere Produzentenländer wie Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Rückgänge meldeten hingegen Niederlande, Frankreich, Italien und Deutschland. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet die Europäische Kommission ein EU-weites Produktionsplus von 1 Prozent auf 12,3 Millionen Tonnen Hühnerfleisch.
Global geht das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) für 2026 von einer Hühnerfleischproduktion von 110,7 Millionen Tonnen aus – ein Zuwachs von 3 Prozent. Treiber dieser Expansion sind vor allem China und Brasilien. Für die österreichische Fleischwirtschaft bedeutet das: Der internationale Wettbewerb um Marktanteile verschärft sich – umso wichtiger wird es, den heimischen Eigenversorgungsgrad planmäßig auszubauen.



