EU-Mercosur-Abkommen beschlossen: Zwischen Exporthoffnung und wachsendem Druck auf Österreichs Fleischerhandwerk

EU-Mercosur-Abkommen beschlossen: Zwischen Exporthoffnung und wachsendem Druck auf Österreichs Fleischerhandwerk
Nach einem Vierteljahrhundert Verhandlungen ist das EU-Mercosur-Abkommen politisch beschlossen. Mit der Zustimmung einer qualifizierten Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten entsteht die größte Freihandelszone der Welt. Für Österreich ist der Beschluss ein Balanceakt: Die Industrie und exportorientierte Unternehmen sehen neue Chancen, während Landwirtschaft, Lebensmittelhandwerk und zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen massive Nachteile befürchten.
Österreich selbst stimmte im Rat – gebunden an einen Nationalratsbeschluss aus dem Jahr 2019 – mit Nein. Am Zustandekommen des Abkommens änderte das nichts. Ausschlaggebend war die Zustimmung Italiens, nachdem die EU-Kommission zusätzliche Schutzmaßnahmen für die Landwirtschaft zugesagt hatte. Unterzeichnet werden soll das Abkommen in Paraguay, die formelle Zustimmung des Europäischen Parlaments steht noch aus.
Ein Abkommen mit Signalwirkung
Aus Sicht der EU-Kommission ist Mercosur ein wirtschafts- und geopolitisches Projekt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht von einem „strategischen Schritt für Europas wirtschaftliche Handlungsfähigkeit“ in einer Zeit zunehmender Handelskonflikte und globaler Unsicherheit. Ziel ist der Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay.
Die Kommission rechnet mit einem Anstieg der EU-Exporte nach Südamerika um bis zu 39 Prozent. Davon sollen vor allem Industrie, Maschinenbau, Auto-, Chemie- und Pharmabranche profitieren. Gleichzeitig würden landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe verstärkt nach Europa gelangen. Genau hier liegt der Kern der österreichischen Debatte.
Wirtschaftskammern: Rückenwind für Export und Arbeitsplätze
Die Wirtschaftskammerorganisationen in Österreich begrüßen den Beschluss überwiegend. Die Wirtschaftskammer Niederösterreich spricht von einem „klaren Signal für offene Märkte“ und verweist auf die hohe Exportabhängigkeit des Standorts. Jeder zweite Euro werde im Ausland erwirtschaftet, jeder fünfte Arbeitsplatz hänge direkt oder indirekt vom Export ab.
WKNÖ-Präsident Wolfgang Ecker bezeichnet Mercosur als „richtige Antwort auf die aktuellen globalen Herausforderungen“. Direktor Johannes Schedlbauer betont, dass gerade kleine und mittlere Unternehmen vom Abbau von Zöllen und von mehr Rechtssicherheit profitieren könnten. Die Exporte Niederösterreichs in die Mercosur-Staaten seien in den vergangenen zehn Jahren bereits um mehr als 30 Prozent gestiegen.
Auch die Wirtschaftskammer Kärnten schlägt in diese Kerbe. WK-Präsident Jürgen Mandl spricht von einem „wichtigen Signal für Europas wirtschaftliche Handlungsfähigkeit“. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten brauche es verlässliche Partnerschaften und neue Absatzmärkte. Für Österreich sieht Mandl ein zusätzliches Exportpotenzial von rund einer Milliarde Euro.
UNOS und NEOS: Freihandel als Standortstrategie
Noch deutlicher fällt die Zustimmung bei UNOS und NEOS aus. UNOS-Bundessprecher Michael Bernhard spricht von einem „Freudenfest für den Freihandel“ und kritisiert, dass Österreich politisch nicht aktiver zugestimmt habe. Mercosur eröffne neue Märkte, senke Kosten und mache den Wirtschaftsstandort krisenfester.
Auch NEOS-Generalsekretär Douglas Hoyos zeigt sich hocherfreut. Freihandel sei gerade für ein exportabhängiges Land wie Österreich zentral, um Arbeitsplätze und Wohlstand zu sichern. Die Blockadehaltung der Bundesregierung bezeichnet er als kurzsichtig.
Landwirtschaftskammern: „Gefährlicher Irrweg“
Ganz anders beurteilt die Landwirtschaft das Abkommen. Landwirtschaftskammer-Österreich-Präsident Josef Moosbrugger warnt vor einer weiteren Abhängigkeit von Übersee bei zentralen Lebensgrundlagen wie Lebensmitteln. Die EU setze ihre „Bauern-Vergrämungspolitik“ fort und ignoriere die Existenzsorgen der bäuerlichen Familienbetriebe.
Moosbrugger kritisiert insbesondere steigenden Preisdruck durch Importe aus Ländern mit deutlich niedrigeren Produktionsstandards. Gleichzeitig würden heimische Betriebe mit immer mehr Auflagen konfrontiert. Auch die angekündigten finanziellen Zugeständnisse der EU-Kommission sieht er kritisch: Ein zeitlicher Vorgriff auf ohnehin geplante Mittel sei „kein echter Ausgleich“, sondern lediglich ein „Schmerzpflaster“.
Ähnlich äußert sich die Landwirtschaftskammer Steiermark. Präsident Andreas Steinegger spricht von einem „schweren Schlag“ für die Bauernschaft und fordert ein klares Schutzprogramm. Im Zentrum stehen eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung, gleiche Produktionsstandards für Importware und wirksame, rasch greifende Schutzklauseln bei Marktverwerfungen.
Bauernbund: Fairer Handel braucht faire Regeln
Auch der Bauernbund bleibt bei seiner ablehnenden Haltung. Präsident Georg Strasser hält fest, dass man nicht grundsätzlich gegen Handel sei, aber gleiche Spielregeln einfordere. Europäische Bäuerinnen und Bauern produzierten unter weltweit höchsten Umwelt- und Tierwohlstandards, während Importware oft unter anderen Bedingungen entstehe.
EU-Abgeordneter Alexander Bernhuber warnt davor, dass Schutzklauseln nur auf dem Papier bestehen könnten. Entscheidend sei eine strenge Kontrolle von Importen sowie eine lückenlose Herkunftskennzeichnung, damit Konsumentinnen und Konsumenten bewusst entscheiden können.
Land schafft Leben: Transparenz als Schlüsselfrage
Der Verein Land schafft Leben ordnet die Auswirkungen differenziert ein. Gründer Hannes Royer betont, dass Österreich im Preiskampf nicht mithalten könne – und auch nicht solle. Hohe Tierwohl-, Umwelt- und Qualitätsstandards hätten ihren Preis. Besonders problematisch sei, dass importierte Produkte oft nicht als solche erkennbar seien.
Mitgründerin Maria Fanninger warnt davor, dass sich günstige Importware häufig „versteckt“ – etwa in der Gastronomie oder in verarbeiteten Lebensmitteln. Eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung sei daher überfällig. Nur so könnten Konsumentinnen und Konsumenten tatsächlich heimische Qualität wählen.
Umwelt- und NGO-Kritik: Klima und Demokratie im Fokus
Greenpeace, Attac und andere NGOs kritisieren das Abkommen aus klima- und umweltpolitischer Sicht. Sie sehen die Gefahr, dass zusätzliche Agrarimporte Entwaldung, Artenverlust und klimaschädliche Transporte fördern. Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Sebastian Theissing-Matei bezeichnet Mercosur als „desaströsen Handelspakt“, der Bäuerinnen und Bauern in einen ruinösen Preiskampf zwinge.
Attac wiederum kritisiert das Zustandekommen des Abkommens selbst. Durch die Aufsplittung in einen wirtschaftlichen und einen politischen Teil habe die EU-Kommission den Abstimmungsmodus geändert. Das sei demokratiepolitisch problematisch und werde die Zustimmung der Bevölkerung zur EU weiter schwächen.
Was bedeutet das konkret für das Fleischerhandwerk?
Für das österreichische Fleischerhandwerk ist Mercosur kein theoretisches Projekt. Rind- und Geflügelfleisch zählen zu den sensibelsten Produktgruppen des Abkommens. Zwar sind die Importmengen begrenzt – etwa 99.000 Tonnen Rindfleisch zu vergünstigten Zöllen –, doch schon geringe Mengen können den Marktpreis beeinflussen.
Hinzu kommt ein struktureller Unterschied bei Kontrollen. Während heimische Betriebe entlang der gesamten Wertschöpfungskette kontrolliert werden, erfolgen Importkontrollen überwiegend stichprobenartig an der Grenze. Diese Asymmetrie ist für viele Fleischerbetriebe schwer vermittelbar – zumal sie täglich mit hohen Qualitäts-, Hygiene- und Tierwohlauflagen arbeiten.
Kein Kollaps, aber ein Stresstest
Trotz aller Kritik gilt: Mercosur wird den österreichischen Fleischmarkt nicht über Nacht überschwemmen. Die Mengen sind begrenzt, die Nachfrage nach regionaler Qualität bleibt hoch. Gleichzeitig erhöht das Abkommen den Wettbewerbsdruck und macht strukturelle Schwächen sichtbar.
Für das Fleischerhandwerk bedeutet das vor allem eines: Herkunft, Transparenz und handwerkliche Qualität werden noch wichtiger. Mercosur ist kein unmittelbarer Untergang, aber ein deutlicher Stresstest für den Standort Österreich. Wie gut er bewältigt wird, hängt weniger vom Abkommen selbst ab als von den politischen Begleitmaßnahmen – und davon, ob Konsumentinnen und Konsumenten tatsächlich erkennen können, woher ihr Fleisch kommt.


