Fleischerei Gissinger feiert das 90. Jubiläum

90 Jahre Gissinger Schinkenmanufaktur in Wien: Josef und Julia Fröhlich führen das Traditionsunternehmen mit Prager Beinschinken, Handarbeit und klarem Zukunftsblick weiter.

90 Jahre Gissinger Schinkenmanufaktur in Wien: Josef und Julia Fröhlich führen das Traditionsunternehmen mit Prager Beinschinken, Handarbeit und klarem Zukunftsblick weiter.
Drei Generationen, drei Meisterbriefe: Julia, Gerlinde und Josef Fröhlich. © Gissinger / Carmen Trappenberg

Fleischerei Gissinger feiert das 90. Jubiläum

Mitten im 16. Wiener Gemeindebezirk, in der Ottakringer Straße betreiben die Fröhlichs in dritter und vierter Generation eine exquisite Schinkenmanufaktur samt ebensolchem Fachgeschäft. 2025 darf die Familie stolz auf eine 90-jährige Geschichte zurückblicken und gleichzeitig optimistisch in die Zukunft schauen.

Start in turbulenten Zeiten

Es begann alles im Jahr 1935, als Josef und Anna Gissinger in bewegten Zeiten beschlossen, am heutigen Standort ein Unternehmen zu gründen. Den Krieg hatten die Gissingers glücklicherweise überstanden, danach trat erstmals der Name Fröhlich in Erscheinung. Das Handwerk des Schinkenmachens hat Fleischermeister Josef Fröhlich nämlich von seiner Mutter Gerlinde Fröhlich geerbt. Sie, als Tochter der Gründer eine geborene Gissinger, hatte damals den selbstständigen Fleischermeister Anton Fröhlich kennengelernt, geheiratet und – trotz späterer Scheidung – dessen Namen behalten.

Nach dem frühen Tod des Gründers Josef Gissinger übernahm Mutter Gerlinde den Betrieb und führte ihn unter der Bezeichnung „Witwenbetrieb Gissingers Josef Wwe. Anna Gissinger“ weiter. So hieß er, bis Sohn Josef seine Schinkenreife erlangt hatte und im Jahr 1990 schließlich das Ruder in der Fleischerei selbst in die Hand nehmen konnte.

Schinken der Extraklasse

Dieses Ruder bedeutete keineswegs die Übernahme einer x-beliebigen Fleischerei. Die Fleischerei Gissinger ist ein renommiertes Wiener Schinkenflaggschiff, dessen Steuer Josef Fröhlich in für den Fleischerstand alles andere als ruhigen Zeiten übernahm. Frei nach dem Motto „Je rauer das Fahrwasser, desto ausgeglichener der Steuermann“ hielt er den Meisterbetrieb nicht nur auf Kurs, sondern führte ihn zu einem beachtlichen Aufschwung.

Wer heute in Wien Beinschinken genießt, hat eine bemerkenswert hohe Wahrscheinlichkeit, dass dieses edle Stück seinen letzten Schliff in Ottakring erhalten hat. An die ersten Jahre seiner Geschäftsführertätigkeit erinnert sich Josef Fröhlich noch gut: „Ursprünglich betrieben wir eine klassische Fleischerei mit Vollsortiment und Fachgeschäft. Bald habe ich entschieden, das Geschäft zu schließen und mich auf Herstellung und Großhandel zu konzentrieren. Erst die deutlichen Proteste unserer Stammkunden führten zu einer Kurskorrektur: Meine Frau Elisabeth und ich starteten einen kleinen Fabrikverkauf. In der Folge öffneten wir zunächst an einem Tag, später mittwoch- und freitagvormittags von 8 bis 12 Uhr. Das funktioniert hervorragend, nicht zuletzt, weil wir gemeinsam mit unserer Tochter Julia selbst im Geschäft stehen. Heute ist es unsere Visitenkarte – ergänzt durch einen hervorragend eingeführten Onlineshop.“

Prager Art

Wiens feinster Beinschinken wird nach der sogenannten Prager Art hergestellt. Dabei wird die Keule händisch über die Arterien oder mit der Nadel mit Lake, einer Salzlösung, injiziert. Welche Methode zur Anwendung kommt, ist letztlich Geschmackssache – selbst für Fachleute kaum zu unterscheiden. Eines schließt Josef Fröhlich jedoch aus: „Mit einem Pökelinjektor missbrauche ich die Keulen nicht. Maschinen lassen sich nicht fein genug steuern, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Unser Wiener Beinschinken nach Prager Art entsteht ausschließlich in Handarbeit.“

Josef Fröhlich weiß auch, was den Wiener Beinschinken von dessen Verwandten in den Bundesländern unterscheidet: „Die Bayern haben ihre Weißwurst, wir Österreicher unseren Beinschinkenäquator. Er verläuft ungefähr entlang der Grenze zwischen Nieder- und Oberösterreich beziehungsweise der Steiermark. Dort wird der Schinken kräftiger geräuchert und würziger hergestellt. Westlich von Salzburg findet man kaum noch gekochten Schinken mit Knochen. Bei uns kommen ausschließlich Pökelsalz und Naturgewürze zum Einsatz – das macht ihn unvergleichlich mild.“

Der Schinken ist das Aushängeschild, doch die Gissinger Schinkenmanufaktur bietet weit mehr als edle Beine. Das Sortiment umfasst feine Wurstwaren, Speckschmankerln und Alt-Wiener Spezialitäten. Besonders gefragt sind Alt-Wiener Blutwurst, Beef Tartare, Bratwürstel, Currywürstel, Budapester und Sacherwürstel. Ergänzt wird das Angebot durch eine große Auswahl an Fertiggerichten und internationalen Spezialitäten.

Umsatzseitig liegt der Schwerpunkt klar auf dem Großhandel. Zu den wichtigsten Kunden zählen die gehobene Gastronomie, der Lebensmitteleinzelhandel sowie Delikatessenhändler.

Zukunft gesichert

Mit Tochter Julia Fröhlich, die als Fleischermeisterin das Unternehmen mit Vater Josef führt, ist der Blick nach vorn mehr als zuversichtlich. „Ich bin mit vollem Elan und großer Freude eingestiegen. Meine Eltern haben mir diese Entscheidung leicht gemacht, weil sie mich nie gedrängt haben. Sie haben mir die Freude an diesem Beruf vermittelt, ohne die Anstrengungen zu verschweigen.“ In diesem Sinne: Auf die nächsten 90 Jahre einer großartigen Fleischerei.

Autor: HaRo