Es gibt Produkte, die einfach zur Kindheit gehören. Für Hannes Weber, Geschäftsführer der bayerischen Premium-Metzgerei Wasner, war das „Kletzerl“ immer eines davon – beim Wandern, beim Skifahren, als Jausenproviant. Als er von der Insolvenz des Innviertler Traditionsbetriebs Kletzl hörte, war für ihn eines klar: Hier musste er aktiv werden. Seit März 2026 ist die Kultwurst zurück in den Regalen – und das ist eine Geschichte, die schon 1952 beginnt.
Vom Mattighofen ins Innviertel: 70 Jahre Kletzl-Geschichte
Josef Kletzl pachtete 1952 eine Fleischhauerei in Mattighofen – der Grundstein für ein Unternehmen, das Jahrzehnte später österreichweit bekannt sein würde. Den entscheidenden Schub brachte 1982 die Einführung des „Kletzerls“, eines Rohwurstsnacks, der sich rasch zu einem echten Kultprodukt entwickelte. 1995 erhielt Kletzl als erster Wursterzeuger im Bezirk Braunau die EU-Zulassung – ein Meilenstein in der Branche. 2009 folgte die Eröffnung des „Wurstparadieses“ in Wildenau mit über 5.000 Quadratmetern Produktionsfläche; zum Tag der offenen Tür kamen rund 7.000 Besucher.
Doch die Erfolgsgeschichte bekam Risse. Die Coronakrise brach den Umsatz ein, der Trend zu vegetarischer und veganer Ernährung tat sein Übriges, Energie- und Personalkosten stiegen inflationsbedingt – und dann fiel auch noch ein deutscher Großabnehmer aus. Der Schuldenberg wuchs auf 5,6 Millionen Euro. Im März 2024 stellte die Kletzl Fleischwaren GmbH beim Landesgericht Ried den Antrag auf ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung. Betroffen waren 36 Mitarbeitende und 118 Gläubiger.
Ein Jahr Bieterverfahren – dann der Zuschlag
Was folgte, war ein Bieterverfahren, das sich laut Weber rund ein Jahr lang zog. Im Interview mit dem österreichischen Handelsportal CASH beschreibt er die Ausgangslage schlicht: „Unsere Betriebsstandorte trennen auch nur knappe 40 Kilometer. Als wir von der Insolvenz gehört haben, war für uns klar, dass wir hier aktiv werden möchten.“ Ende 2024 erhielt die Metzgerei Wasner den Zuschlag, die formelle Abwicklung erfolgte im März 2025.
Dann begannen die eigentlichen Herausforderungen. Viele Maschinen waren bereits verkauft oder schlicht veraltet. Wasner investierte rund vier Millionen Euro in eine Rundumerneuerung der Produktionsstätte und erweiterte die Verarbeitungsfläche um 300 Quadratmeter. Seit August 2025 laufen in Wildenau wieder Wurstwaren vom Band – zunächst für den allgemeinen Betrieb, parallel dazu eine Testproduktion der Kultwurst. Weber gegenüber CASH: „Es ist auch schön zu sehen, dass wir durch die Modernisierung trotz erhöhter Produktion deutlich weniger Energie benötigen.“
Die Rezeptur: Ein gut gehütetes Geheimnis
Das Herzstück des Comebacks ist die Originalrezeptur – und die bleibt unangetastet. Lieferanten für Fleisch und Gewürze wurden eins zu eins übernommen. Weber sagt dazu im CASH-Interview unmissverständlich: „Ich würde nicht im Traum etwas an der Zusammensetzung ändern.“ Der Grund ist nicht nur Nostalgie: Wie Picker PR berichtet, hatten zahlreiche Metzgereien in der Vergangenheit versucht, das Kletzerl zu imitieren – ohne Erfolg. Weber erklärt: „Nur bei Kletzl kann die ‚Kletzerl‘-Rezeptur in originaler Qualität umgesetzt werden.“ Entscheidend seien Standort und Herstellungsprozess – das spezifische Klima der Region trägt zum unverwechselbaren Geschmack bei.
Vier Sorten, ein neues Gesicht – und ein Kletzl-Song
Beim Relaunch setzt Wasner auf vier Varianten: Classic, Feurig, Cheese – und neu im Sortiment: Vegan. Letztere war laut Weber bereits kurz vor der Insolvenz in Entwicklung und wurde nun produktionsreif gemacht. Basis sind Erbsenproteine; Würzung und Verarbeitung entsprechen den fleischigen Varianten, lediglich die Rohstoffliste ist länger. Im CASH-Interview gibt Weber auch seine persönliche Präferenz preis: „Die scharfe Variante – ich mag’s halt gerne würzig.“ Meistproduziert ist tatsächlich Feurig, knapp gefolgt von Classic und Käse.
Neu ist auch der Marktauftritt: Die Salzburger Werbeagentur Bazzoka zeichnet für das Design verantwortlich. Gezeichnete Figuren zieren die Packung – abgeleitet von der Erkenntnis, dass „Kletzl“ im Dialekt ein freches Kind bezeichnet. „Wir wollen auch ein bisschen frech sein“, sagt Weber gegenüber CASH. Darüber hinaus ist ein Kletzl-Song in Arbeit, von dem drei Varianten existieren – darunter eine mit einem „Voice of Germany“-Gewinner. Die Community soll via Social Media abstimmen, welche Version es wird.
Rewe, Spar, Kaufland: Der Handel empfängt die Kultmarke mit offenen Armen
Die Listungsgespräche verliefen nach Webers Angaben außergewöhnlich gut. In Österreich hätten Rewe und Spar „recht flott“ die Möglichkeit gegeben, sie zu beliefern. Für den deutschen Markt laufen laut CASH-Interview bereits enge Gespräche mit Kaufland, Lidl, Rewe und Edeka. Weber fasst die Perspektive so zusammen: „Mit diesen Handelspartnern als Basis können wir uns eine Belieferung vom gesamtdeutschen Markt gut vorstellen.“
25 alte Gesichter, Volksfest zur Eröffnung, Ziel: 100 Tonnen pro Woche
Aktuell laufen wöchentlich 35 Tonnen Ware in Wildenau vom Band. Bis Juli soll die Produktion auf 100 Tonnen pro Woche hochgefahren werden – und selbst dann, so Weber, sei noch Luft nach oben. Von den ursprünglichen Kletzl-Mitarbeitenden sind bereits 25 wieder an Bord; mittelfristig soll die Belegschaft auf rund 60 Personen anwachsen. Die offizielle Eröffnung wird mit einem Volksfest gefeiert, ganz wie es sich für eine Kultmarke gehört.
Die Metzgerei Wasner selbst blickt auf eine lange Geschichte zurück: Seit 1904 gibt es den Betrieb in Bad Birnbach, seit 1999 führt Hannes Weber das Familienunternehmen in vierter Generation. Unter ihm wurde die Produktion auf EU-Standards gehoben, das Filialnetz auf über 43 Standorte in Süddeutschland ausgebaut. Das Kletzerl-Comeback ist für Weber also keine bloße Geschäftsentscheidung – sondern, wie er selbst sagt, eine Herzensangelegenheit.
Kletzl Fleischwaren GmbH (Produktion)
Gewerbepark Wildenau, Oberösterreich
Metzgerei Wasner (Eigentümer)
Bad Birnbach, Bayern · Gegründet 1904 · Familienunternehmen, 4. Generation
43 Shops und Theken in Süddeutschland







