17 Prozent gehen in Pension – Fachkräftelücke wächst

Laut Arbeitsministerium drohen bis 2029 rund 51.000 fehlende Fachkräfte mit mittleren Qualifikationen – auch in Verarbeitung und Produktion.

Laut Arbeitsministerium drohen bis 2029 rund 51.000 fehlende Fachkräfte mit mittleren Qualifikationen – auch in Verarbeitung und Produktion.
Fachkräftesicherung im Handwerk: Ein erfahrener Fleischer gibt sein Know-how an einen Lehrling weiter – Ausbildung und Weiterqualifizierung gelten als zentrale Säulen der künftigen Fachkräftestrategie. Credit: © Fleisch & Co / KI-generiert

17 Prozent gehen in Pension – Fachkräftelücke wächst

Demografischer Druck wächst – 17 Prozent gehen in Pension

Österreich steht vor einer strukturellen Herausforderung am Arbeitsmarkt. In den kommenden zehn Jahren werden rund 17 Prozent der Beschäftigten in Pension gehen. Bereits bis 2029 droht laut Arbeitsministerium eine Fachkräftelücke von rund 51.000 Personen mit mittleren Qualifikationen.
Vor diesem Hintergrund will die Bundesregierung ab März 2026 eine umfassende Fachkräftestrategie ausarbeiten. Ziel ist es, Qualifizierung, Lehre und internationale Fachkräfte systematisch zu stärken und gleichzeitig ungenutzte Potenziale im Inland besser zu aktivieren.

Arbeits- und Sozialministerin Korinna Schumann betont: „Der Wandel am Arbeitsmarkt ist enorm – und wir müssen jetzt handeln, damit niemand zurückgelassen wird. Qualifizierung ist der Schlüssel für sichere Jobs und faire Chancen.“

Drei Säulen der neuen Fachkräftestrategie

Die Strategie soll auf drei zentralen Säulen beruhen:

  • Qualifizierungsoffensive mit Fokus auf mittlere Qualifikationen und Höherqualifizierung bis zum Lehrabschluss
  • Stärkung der Lehre und Berufsbildung, inklusive Weiterentwicklung der überbetrieblichen Ausbildung
  • Internationale Fachkräfte als ergänzendes Potenzial, unter anderem durch Erleichterungen bei der Rot-Weiß-Rot-Karte

Mit Juni 2026 ist zudem eine neue Weiterbildungsbeihilfe geplant. Der Schulungszuschlag soll vereinfacht werden, um längere Fachkräfteausbildungen finanziell besser abzusichern.
Gleichzeitig soll das Potenzial von Frauen stärker genutzt werden – insbesondere durch bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der Ausbau der Kinderbetreuung wird als zentraler Hebel gesehen.

Bildung als Grundlage der Fachkräftesicherung

Parallel dazu wird im Bildungsbereich strukturell angesetzt. Ab dem Schuljahr 2026/27 soll an allgemeinbildenden Pflichtschulen ein mittleres Management eingeführt werden. Je nach Schulgröße stehen zusätzliche Wochenstunden für administrative und pädagogische Koordinationsaufgaben zur Verfügung.
Bildungsminister Christoph Wiederkehr sieht darin eine Qualitätsmaßnahme:
„Sowohl Lehrkräfte als auch Direktorinnen und Direktoren können sich mit Einführung dieser sehr wichtigen Personengruppe wieder vermehrt ihren Kernaufgaben widmen, was zu einer weiteren Steigerung der Unterrichtsqualität führen wird.“

Finanzstaatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl ergänzt: „Bildung ist eine zentrale Zukunftsinvestition. Jeder Euro, den wir heute in unser Bildungssystem investieren, stärkt die Gesellschaft, unseren Wirtschaftsstandort und die Innovationskraft unseres Landes.“
Für AHS, BMHS und Berufsschulen werden administrative Unterstützungsstrukturen ebenfalls flexibilisiert, um Leitungsteams zu stärken.

Erstmals mehr Pensionisten als unter 20-Jährige10. Februar 2026・Christoph Hofer
Von 2024 bis 2050 wächst die Gruppe der über 64-Jährigen um rund 700.000 Personen – von 1,84 Mio. auf dann 2,56 Mio. Im selben Zeitraum sinkt die Zahl der unter 20-Jährigen um etwa 200.000 Personen auf 1,58 Mio. Laut Hauptszenario der Bevölkerungsprognose erreichte die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) 2024 mit 5,57 Mio. ihren Höchststand – bis 2050 sinkt diese Zahl um knapp 330.000 auf 5,24 Mio.

Quelle: Statistik Austria - GRAFIK VON SELEKTIV
Erstmals mehr Pensionisten als unter 20-Jährige: Von 2024 bis 2050 wächst die Gruppe der über 64-Jährigen um rund 700.000 Personen – von 1,84 Mio. auf dann 2,56 Mio. Im selben Zeitraum sinkt die Zahl der unter 20-Jährigen um etwa 200.000 Personen auf 1,58 Mio. Laut Hauptszenario der Bevölkerungsprognose erreichte die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) 2024 mit 5,57 Mio. ihren Höchststand – bis 2050 sinkt diese Zahl um knapp 330.000 auf 5,24 Mio.
Quelle: Statistik Austria – GRAFIK VON SELEKTIV

Wirtschaft fordert Tempo bei Umsetzung

Die Wirtschaftskammer Österreich begrüßt die Initiative grundsätzlich, mahnt jedoch rasche und praxisnahe Umsetzung ein.
WKÖ-Generalsekretär Jochen Danninger erklärt: „Es ist erfreulich, dass die Bundesregierung dieses Problem erkannt hat und an einer umfassenden Fachkräftestrategie arbeiten will. Wichtig ist aber, dass die Umsetzung rasch erfolgt und die Details stimmen.“
Insbesondere bei der Rot-Weiß-Rot-Karte fordert die WKÖ schnellere und digitalisierte Verfahren. Auch die betriebliche Lehrstellenförderung müsse ausreichend finanziert und valorisiert werden.

Gewerkschaft fordert verbindliche Finanzierung

Der Österreichische Gewerkschaftsbund unterstützt die strategische Stoßrichtung, verlangt jedoch verbindliche Budgetmittel.
ÖGB-Bundesgeschäftsführerin Helene Schuberth warnt: „Wer heute bei Weiterbildung spart, zahlt morgen doppelt – mit Produktivitätsverlusten, massivem Fachkräftebedarf und sozialer Spaltung.“
Der ÖGB fordert zudem stärkere Verpflichtungen für Betriebe in der Lehrlingsausbildung sowie faire Arbeitsbedingungen für internationale Fachkräfte.

Kritik von FPÖ und Seniorenbund

Die FPÖ kritisiert die geplanten Maßnahmen scharf und warnt vor Lohndumping durch erleichterte Zuwanderung.
Seniorenbundpräsidentin Ingrid Korosec verweist wiederum auf die steigende Arbeitslosigkeit älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer: „Fachkräftemangel zu beklagen, gleichzeitig aber Ältere zu kündigen oder nicht anzustellen, ist paradox.“
Im Jänner waren über 116.000 Personen über 50 arbeitslos gemeldet, 30 Prozent der Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten haben niemanden über 60 angestellt.

Bedeutung für Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandwerk

Für die österreichische Fleischwirtschaft und das Lebensmittelhandwerk ist die Fachkräftestrategie von zentraler Bedeutung. Metzgereien, Verarbeitungsbetriebe und lebensmittelproduzierende Unternehmen kämpfen seit Jahren mit Nachwuchsproblemen und steigenden Qualifikationsanforderungen.
Gerade mittlere Qualifikationen – etwa im Produktionsbereich, in der Verarbeitung oder in technischen Funktionen – sind laut Ministerium besonders betroffen. Eine Stärkung der Lehre sowie gezielte Höherqualifizierung könnten hier direkt wirksam werden.
Gleichzeitig zeigt sich: Fachkräftesicherung ist nicht nur Arbeitsmarktpolitik, sondern Standortpolitik. Qualifizierte Mitarbeitende entscheiden über Wettbewerbsfähigkeit, Produktionssicherheit und Innovationsfähigkeit.

Die Bundesregierung reagiert auf eine klar absehbare demografische Entwicklung. Die Zahlen sind deutlich: 17 Prozent Pensionierungen in zehn Jahren, 51.000 fehlende Fachkräfte bis 2029.
Ob die geplante Strategie Wirkung entfaltet, wird davon abhängen, wie rasch und praxisnah sie umgesetzt wird – und ob Qualifizierung, Lehre und Rahmenbedingungen tatsächlich gestärkt werden.
Für die heimische Lebensmittel- und Fleischwirtschaft ist klar: Ohne Fachkräfte gibt es keine Produktion. Und ohne Produktion keine Versorgungssicherheit.

https://on.orf.at/video/14312109/pressefoyer-nach-dem-ministerrat