Knapp 15 Jahre hat Bernd Jurschitsch die Schlachtstelle Fließ im Tiroler Bezirk Landeck gefu?hrt. Im Sommer kam es zum Bruch mit der Gemeinde und Abgang in den benachbarten Bezirk Imst.

Was ist passiert? Die Vorgeschichte: Mit der geplanten Modernisierung und dem Ausbau der Schlachtstelle Fließ war ein Leuchtturmprojekt im Tiroler Bezirk Landeck angedacht. Um es auf Schiene zu bringen, wurde 2021 der Gemeindeverband „Schlachthof Fließ“, mit dem Fließer Bu?rgermeister Alexander Ja?ger als Obmann an der Spitze, gegru?ndet. 2,4 Mio. Euro soll das Projekt kosten, das die insgesamt 16 im Verband integrierten Gemeinden stemmen mu?ssen. 600.000 Euro soll das Land Tirol zuschießen. Doch dann zieht sich das Projekt in die La?nge. Es tauchen erste Bedenken von Gemeindevertreter:innen wegen Standort und Verteilungsschlu?ssel auf. Auch kommt es zu einer Bauverzo?gerung.

Zudem hat man wohl die Rechnung ohne den langja?hrigen Pa?chter des Schlachthofes Fließ gemacht. Metzgermeister Bernd Jurschitsch sollte laut ersten Pressemeldungen zur „Drehscheibe fu?r die Nahversorgung samt Abholmarkt“ im neuen Schlachthof Fließ werden.

Nach Streitigkeiten: Bernd Jurschitsch geht …

Doch schon bald wurde aus der Drehscheibe ein Abgang. Bernd Jurschitsch kehrte Fließ den Ru?cken. Seit August 2022 ist er mit seinem Team im Schlachthof Wenns im Pitztal, der zum benachbarten Bezirk Imst geho?rt, ta?tig. Fleisch & Co erreicht Bernd Jurschitsch am Telefon und dabei fallen einige Kraftausdru?cke. „Jugendfrei u?bersetzt“ kann man es so zusammenfassen: Der Fleischermeister ist auf den Fließer Bu?rgermeister und Verbandsobmann, Alexander Ja?ger nicht gut zu sprechen. U?berhaupt nicht gut.

Erfahrener Metzger im Schlachthof Fließ

Doch schauen wir uns zuna?chst den Werdegang von Bernd Jurschitsch an. Er absolvierte seine Lehre bei der Metzgerei Murr in St. Anton. Es folgen Stationen bei den Lebensmittelgroßha?ndlern Speckbacher in Reutte und Grissemann in Zams. 2005 bestand der Tiroler die Meisterpru?fung, 2007 die Unternehmerpru?fung. Danach ist der aus Strengen stammende Fleischermeister viele Jahre bei der Schlachtstelle in Fließ ta?tig – am 1. Oktober 2022 wa?ren es genau 15 Jahre gewesen.
In seiner Zeit in Fließ schafft Pa?chter Jurschitsch, wie er uns erza?hlt, zusa?tzliche Maschinen an und baut die Schlachtstelle Fließ auf. Aus dem gesamten Bezirk von Oberlech bis Landeck, aber auch von den benachbarten Bezirken, bringen rund 500 Bauern und Ja?ger ihr Vieh zur Schlachtung und Veredelung nach Fließ. Ja?hrlich werden etwa 600 Rinder, 300 Schweine und 600 Schafe und Ziegen und 300 Hirsche, Ga?msen, Rehe plus Pferde verarbeitet. Um den Andrang zu bewa?ltigen, vergro?ßert Jurschitsch sein Team. Heute arbeiten ein Geselle, eine Hilfskraft und erstmals ein Lehrbub mit im Team.
Aber eben nicht mehr in Fließ. „Man hat mich schon oft angefragt. Heuer habe ich zugesagt“, sagt Jurschitsch u?ber seinen Wechsel nach Wenns im Pitztal.

Die leeren Versprechungen des Bürgermeisters

Knapp vor dem Ausbau zu einem gro?ßeren und modernen Schlachthof verla?sst der langja?hrige Pa?chter die Gemeinde und wechselt in einen anderen Bezirk? Das wirft doch Fragen auf. Die Gru?nde dafu?r seien, sagt uns Metzgermeister Jurschitsch im Interiew, das Verha?ltnis zum Fließer Bu?rgermeister, leere Versprechungen und die Bauverzo?gerung. „Dafu?r gibt man mir die Schuld, weil ich nicht unterschrieben habe. Der Pachtvertrag passte aber nicht fu?r mich.“
Metzgermeister Bernd Jurschitsch ha?tte sich, wie er sagt, mit seiner Unterschrift in einen Wu?rgegriff begeben. „Je mehr ich gemetzgert ha?tte, umso mehr wa?re das rechnerisch zu meinem Nachteil gewesen.“ Jurschitsch erza?hlt weiters, dass er sich vor seinem Abgang noch ein letztes Mal an den Fließer Bu?rgermeister gewendet und ihm drei Wochen Zeit gegeben habe, den Pachtvertrag zu u?berdenken.
Als Reaktion aus der Gemeinde Fließ erfolgte laut Jurschitsch, die Neuausschreibung des Pachtvertrags. Damit sank die Stimmung beim bisherigen Pa?chter und die Gespra?chsbereitschaft gegen null. Es folgten gegenseitige Vorwu?rfe. So sagt Bu?rgermeister Alexander Ja?ger, dass er aus der Zeitung erfahren habe mu?ssen, dass der Schlachtstellen-Pa?chter Fließ verla?sst. Jurschitsch kontert: Der Bu?rgermeister habe es drei Wochen lang nicht fu?r no?tig befunden, sich zu melden.

Der Bu?rgermeister Alexander Jäger sagt

Fleisch & Co hat selbstversta?ndlich auch beim Fließer Bu?rgermeister und Verbandsobmann Alexander Ja?ger nachgefragt. Leider wurde ein Statement abgelehnt, lediglich auf eine baldige Pressemitteilung verwiesen –, diese ist allerdings bis zum Redaktionsschluss nicht erschienen.
Was wir finden konnten, war eine Stellungnahme in der Fließer Gemeindezeitung, August 2022, die wir hier aus journalistischer Sorgfaltspflicht abdrucken: „Wie schon bereits in den Medien berichtet wurde, hat Metzgermeister Bernd Jurschitsch den Fließer Schlachthof am 1. August verlassen. Auch ich habe es aus den Medien erfahren, dass Bernd nach Wenns gehen wird. Als Bu?rgermeister und somit auch Verbandsobmann des Schlachthofes Fließ war und ist es mir ein Anliegen, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen und fu?r jeden die bestmo?gliche Lo?sung zu finden. Einerseits gibt es klare Vorgaben des Verbandes (die bereits bei der Gru?ndung beschlossen worden sind) und andererseits braucht es auch eine gute Lo?sung fu?r den Pa?chter. Es hat viele Besprechungen zum Projekt Neubau gegeben. Zu diesen Besprechungen war auch Bernd immer eingeladen, seine Ideen und Abla?ufe eines Schlachtbetriebs kundzugeben. Auch der Entwurf des Pachtvertrages wurde mit Bernd und seinen Vertrauten durchgesehen und fu?r in Ordnung erkla?rt. U?ber gewisse Punkte in einem Vertrag kann man nicht verhandeln. Die Wassergebu?hr muss schließlich jeder bezahlen, so auch der Schlachthof Fließ. 16 Gemeinden investieren in den Standort eine ordentliche Summe an Geld, somit muss fu?r diese Gemeinden sichergestellt werden, dass die Bauern aus den 16 Gemeinden den Vortritt bei den Schlachtungen gegenu?ber Nichtmitgliedsgemeinden haben sollen. Das wa?re nicht akzeptabel, wenn die Nichtmitgliedsgemeinden den gleichen Vorteil ha?tten wie die Mitglieder des Gemeindeverbandes.“

Seit August 2022 ist Bernd Jurschitsch mit seinem Team im Schlachthof Wenns im Pitztal. © Jurschitsch

Seit August 2022 ist Bernd Jurschitsch mit seinem Team im Schlachthof Wenns im Pitztal. © Jurschitsch

Erfolgreicher Neustart in der Schlachtstelle Wenns

Seit August 2022 betreiben Jurschitsch und sein Team nun die Schlachtstelle Wenns im Pitztal. Diese wurde im Oktober 2021 neu ero?ffnet und spielt alle Stu?ckeln. „Es ist alles da, was man braucht, und wir wurden mit offenen Armen aufgenommen.“ Das Gescha?ft entwickelt sich gut.
Inzwischen wurde auch ein Tag der Offenen Tu?r gefeiert. Mitte Oktober 2022 lud die Gemeinde zur feierlichen Segnung der neuen Schlachtstelle. Der Wenner Bu?rgermeister Patrick Holzknecht berichtete u?ber die gute und richtige Entscheidung fu?r die Pitztaler Gemeinden, das Schlachthaus Wenns neu zu bauen, um die Einheimischen im Tal, die Gastronomie und Touristen mit regionalem Fleisch versorgen zu ko?nnen. Die Kosten fu?r die Schlachtstelle Wenns betrugen 1,7 Mio. Euro, die u?ber die vier Pitztaler Gemeinden, den Tourismusverband und das Land Tirol, finanziert wurden.

Schlachthof Fließ: Die neuen Pa?chter sind Georg Venier sen. und Georg Venier jun.

Der Schlachthof Fließ im Bezirk Landeck sollte urspru?nglich um 2,4 Mio. Euro ausgebaut werden. Im Oktober 2021 erfolgte die Gru?ndungsversammlung des Gemeindeverbandes „Schlachthof Fließ“ mit den 16 Gemeinden Faggen, Fendels, Fließ, Flirsch, Grins, Kaunertal, Ladis, Pians, Prutz, St. Anton am Arlberg, Serfaus, Strengen, Tobadill, To?sens und Zams. Doch es la?uft nicht rund. Nicht alle Bezirksgemeinden wollen sich beteiligen, Standort und Kosten werden infrage gestellt.
Dann springt der langja?hrige Pa?chter Bernd Jurschitsch ab. Der Baustart verzo?gert sich. Mittlerweile sind auch die Kosten fu?r den Ausbau um eine weitere Million Euro gestiegen. Budgetiert sind nun rund 3,4 Mio. Euro, die in der Vollversammlung des Gemeindeverbandes „Schlachhof Fließ“ ku?rzlich abgesegnet wurden. Vom Land Tirol gibt es eine Fo?rderzusage von weiteren 600.000 Euro, also gesamt 1,2 Mio. Euro. Der Schlachthof Fließ, sprich Grund und Geba?ude, wurden bereits an den Verband vera?ußert. Anfang 2023 soll nun der Umbau starten. Mit der Fertigstellung wird im Herbst 2023 gerechnet. Erfreulich: Mit dem erfahrenen Georg Venier sen. und Georg Venier jun., ein Vater-Sohn-Duo, beide Fleischermeister aus Tarrenz, wurden auch neue Pa?chter gefunden!

Autorin: Barbara Egger

Der nagelneuen Pitztaler Schlachthof. © Beigestellt