Wer durch die Kurzvideos auf Instagram oder TikTok scrollt, stößt dieser Tage auf ein Phänomen, das so gar nicht nach digitalem Zeitgeist klingt: dampfende Knochensud, stundenlang gekochte Brühen, Schmorbraten mit glasiger Sauce, Grieben aus dem Schweineschmalz. Die Generation, die jahrelang Avocado-Toast fotografiert hat, entdeckt die Küche der Großeltern.
Bone Broth: Von der Resteküche zum Lifestyle-Produkt
Der Begriff „Bone Broth“ – auf Deutsch schlicht Knochenbrühe – ist zum Suchbegriff geworden. Auf TikTok verzeichnen entsprechende Inhalte Millionen von Aufrufen, auf Instagram werden Suppentöpfe inszeniert wie Kunstwerke. Was dahintersteht, ist kein Zufall: Die Rückbesinnung auf nährstoffreiche, ungepanschte Lebensmittel trifft den Nerv einer Zielgruppe, die zunehmend kritisch auf Fertigprodukte blickt.
Für das Fleischerhandwerk ist das eine direkte Einladung. Knochen, Karkassen, Markknochen – Produkte, die lange als Resteware galten – stehen plötzlich im Rampenlicht. Wer als Metzger Markknochen ofenfertig anbietet oder Brühansätze vakuumiert bereitstellt, spricht eine Kundschaft an, die bereit ist, dafür zu zahlen.
Braten als Statement
Der Trend hört nicht bei der Brühe auf. Schmorgerichte, Tafelspitz, Beinscheibe, Rollbraten – Zubereitungen, die Zeit brauchen und Können voraussetzen, erleben eine Neubewertung. In einer Welt, in der Speed Cooking die Regel ist, wird das Slow-Food-Prinzip zur Gegenbewegung. Und wer erklärt, wie man einen Schulterscherzel richtig schmort, hat im Netz ein dankbares Publikum.
Eine Metzgerin aus dem steirischen Raum, die seit zwei Jahren kurze Video-Clips über ihre Arbeit postet, beschreibt es offen: „Ich hab‘ nie gedacht, dass ein Clip übers Knochenauskochen 40.000 Leute interessiert. Aber die Leute wollen wissen, wo das Essen herkommt und wie man es zubereitet.“
Tradition als Trend – und was das Handwerk daraus macht
Der entscheidende Punkt ist dieser: Social Media verstärkt Trends, erfindet sie aber nicht. Bone Broth ist nicht neu. Braten ist nicht neu. Neu ist die Reichweite, mit der ein Handwerksbetrieb heute seine Produkte und sein Wissen kommunizieren kann.
Was es dafür braucht, ist keine professionelle Filmausrüstung. Es braucht Echtheit. Einen Fleischer, der erklärt, warum der Markknochen aus dem Hinterviertel besser ist. Eine Metzgerin, die zeigt, wie man einen Fond ansetzt. Ein Bild vom frühen Morgen in der Fleischerei, bevor der erste Kunde die Tür aufmacht.
Lebensmitteljournalist und Branchenbeobachter Peter Haas bringt es auf den Punkt: „Das Handwerk hat etwas, das kein Industrieprodukt hat: eine Geschichte. Wer die erzählt, gewinnt.“
Die Frage ist nur: Wer erzählt sie?
Noch nutzen zu wenige Betriebe diese Chance. Die Konkurrenz – Lebensmittelblogger, Food-Influencer, vegane Kochkanäle – ist längst aktiv. Dabei haben Fleischer und Metzgerinnen das glaubwürdigste Kapital: echtes Handwerk, echte Produkte, echte Geschichten.
Der Knochen ist wieder im Trend. Es wäre schade, ihn den anderen zu überlassen.





