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Happy Birthday, Weißwurst!

Fleischerei Dormayer feierte das Jubiläum des schmackhaften Kultobjekts

Eigentlich kennt man die Weißwurst ja schon seit dem 14. Jahrhundert. Aber bis ins 19. Jahrhundert war sie nur eine Wurst von vielen. Bis sie, so lautet die Legende, am Faschingssonntag, dem 22. Februar 1857, in München zum Kultobjekt wurde. Der Wirt Sepp Moser vom Gasthaus Zum ewigen Licht wollte frühmorgens die bei ihm so beliebten Kalbsbratwürste herstellen. Allerdings waren ihm die Schafssaitlinge ausgegangen, was der Herstellung einen kräftigen Strich durch die Rechnung machte.

Also füllte er das Brät in die größeren Schweinedärme, drehte die Würstel ab und überbrühte sie mit heißem Wasser. Denn er befürchtete, dass seine vermeintliche Neuschöpfung beim Braten platzen würde. Waren die Gäste des Sepp Müller anfangs noch skeptisch gegenüber dem neuen Produkt, wurde die Wurstkreation schnell zu einem vollen Erfolg. Damit war der Weg für ihren Eroberungsfeldzug im deutschen Staatenbund frei.

Grund genug also, um dieses Kultprodukt jährlich ordentlich zu feiern. Jedenfalls in der Fleischerei Dormayer in Langenzersdorf bei Wien. Denn Dormayer – übrigens auch für seine Blutwurstkreationen sehr bekannt – gilt als einer der Fleischer, die dazu beitrugen, die Weißwurst auch in Ostösterreich zu etablieren. Ist sie weiter westlich in Richtung Bayern schon seit langem Teil der kulinarischen Tradition, wurde sie in Wien und Umgebung bis vor einigen Jahrzehnten eher stiefkindlich behandelt.


Kommissar Zufall

Dass Dormayer zum Aufstieg der Weißwurst auch in der Bundeshauptstadt beitrug, hat er übrigens mitunter auch einem Zufall zu verdanken. Produzierte der niederösterreichische Fleischer die Weißwurst einige Jahre nur für Freunde, beschloss er eines Tages, bei einem Weißwurst-Wettbewerb in Frankreich teilzunehmen. „Ich dachte, das wird hier eh keiner merken“, meint Dormayer dazu und lächelt verschmitzt. Allerdings bekam ein „Kurier“-Journalist von der neuen Weißwurst-Quelle in Ostösterreich Wind, und so wurden Dormayers Produkte einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Kommissar Zufall hatte also hier kräftig seine Hände mit im Spiel.

Dies war Anlass, sich immer tiefer in die Weißwurst-Materie zu vergraben: „Ich habe damals eine richtige Liebe dazu entwickelt“, meint er heute. Und um diese Leidenschaft auch bei den Kunden aufrechtzuerhalten, bekommt das Erfolgsprodukt einmal in Langenzersdorf eine Geburtstagsparty. Dazu gibt’s Brezel und Bier, ganz so wie es sich für das Produkt gehört.

Eine Einladung, der viele Kunden gerne Folge leisten. Jedes Mal, wenn die Türe aufgeht, gibt es ein großes Hallo, und in den meisten Fällen wird der Hausherr persönlich umarmt und begrüßt. Die Fleischerei ist hier – gerade am Weißwurstgeburtstag – ein sozialer Treff, wo man zusammensteht, plaudert, seine Würstel genießt. Die Kunden kennen sich – zum Teil sogar noch aus der Schulzeit – und Fleischer Franz Dormayer ist mittendrin statt nur dabei. Damit schaut es so aus, als wäre es hier ein bisschen so, wie man sich eine Dorffleischerei vorstellt.

Und dabei ist sie die Gegend ja nun wirklich nicht ganz so ländlich, wie man nun glauben möchte – schließlich ist Langenzersdorf mit Wien zusammengewachsen. „Bei uns ist alles ein bisschen anders. Wir sind sozusagen das kleine gallische Dorf am Rande von Wien“, beschreibt der Kunde Peter König das Langenzersdorfer Selbstverständnis.


Vertrauen in Handwerksbetriebe

Was am 22. Februar natürlich auch beim und vor allem mit dem Fleischer besprochen wurde, ist der Pferdefleischskandal. Schließlich hatte dieser gerade Hochkonjunktur, und die ersten Fälle aus Österreich wurden bekannt. „Wir sind so froh, dass wir die Fleischerei bei uns im Ort haben“, meint Kaiser dazu und erzählt, dass unlängst seine Kinder die Spaghetti Bolognese beanstandet hätten, weil das Faschierte diesmal aus dem Supermarkt kam. „Es schmeckt einfach wirklich anders“, so Kaiser.

„Bei dir schmeckt alles so gut“, meint dazu auch eine adrett gekleidete Dame, die Dormayer als ehemalige Schulkollegin vorstellt. Ein zustimmendes Nicken geht durch die Reihen der anwesenden Gäste. „Du hast den Laden ganz schön auf Vordermann gebracht“, meint sie weiter. Und sie muss es ja wissen, denn sie hat als junges Mädchen auch schon beim Vater von Dormayer eingekauft. Wer übrigens selbst einmal Weißwurst herstellen möchte, hatte im Vorjahr bei der „Nacht des Genusses“ die Möglichkeit. Denn an diesem Abend konnte man diesen Wurstklassiker nicht nur essen, sondern auch gleich selber herstellen.

Sohn Markus Dormayer ist gerade nicht vor Ort. Denn der gelernte Fleischer verfolgt zurzeit nebst der Mitarbeit im Familienbetrieb auch politische Ambitionen. Auch wenn die Weißwurst gerade Geburtstag hatte, änderte das nichts am Wahlkampf, der zu dieser Zeit im Land Niederösterreich geführt wurde. Und da Markus für die ÖVP kandidierte, war er in Sachen Wählermotivation unterwegs. Es hat sich übrigens ausgezahlt, denn der Mitzwanziger wurde, was die Vorzugsstimmen betrifft, im Bezirk Korneuburg zum siebentstärksten Kandidaten. Möglicherweise trug auch ein Wahlplakat am Grundstück der Dormayers dazu bei. „Weil du mir nicht Blunzen bist“, steht da auf einem großen weißen Tuch geschrieben, inklusive einer Anleitung, wo man denn als Wahlberechtigter am 3. März sein Kreuzerl machen musste.

von Pia Moik

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